"Arbeitsanzugszeit" rettet angeblichen "Schlaumeier der Stempelkarte" – VIDEO

Überraschung: Richter spricht “Stadtpolizist in Unterhosen” frei

Mittwoch, 22. Januar 2020 | 07:04 Uhr

Sanremo – Die gerichtliche Vorverhandlung, die 32 sogenannte „Schlaumeier der Stempelkarte“ betraf, endete mit einer handfesten Überraschung. Der Vorverhandlungsrichter von Sanremo, Paolo Luppi, sprach jenen Stadtpolizisten, der nur mit der Unterwäsche bekleidet beim Benutzen der Stempelkarte gefilmt worden war, jeglicher Schuld frei. Neben dem „Stadtpolizisten in Unterhosen“ wurden während der Vorverhandlung neun weitere Personen freigesprochen. Gegen 16 ehemalige, der Abwesenheit beschuldigte Bedienstete der Stadtgemeinde Sanremo wurde hingegen das Hauptverfahren eröffnet. 16 weitere Angeklagte stimmten einem gerichtlichen Vergleich zu.

ANSA/ GUARDIA DI FINANZA

Der „Stadtpolizist in Unterhosen“ war vor fünf Jahren gegen seinen Willen zum Symbolbild der „Schlaumeier der Stempelkarte“ geworden. Das Bild des nur mit der Unterwäsche bekleideten Stadtpolizisten von Sanremo war damals um die halbe Welt gegangen. Im Zuge der gegen dem gewohnheitsmäßigen, unentschuldigten Fernbleiben vom Arbeitsplatz – in Italien „Assenteismo“, zu deutsch Absentismus genannt – gerichteten Aktion der Finanzpolizei waren im Jahr 2015 insgesamt 43 Bedienstete der Stadtgemeinde von Sanremo festgenommen und überwiegend in den Hausarrest überstellt worden. In der Folge hatten 32 Angestellte ihren Arbeitsplatz verloren.

Unter den Gekündigten hatte sich damals auch der „Stadtpolizist in Unterhosen“, Alberto Muraglia, befunden. Alberto Muraglia, der für die Kontrolle des Obst- und Gemüsemarktes verantwortlich gewesen war, war im Rahmen der Aktion der Finanzpolizei verhaftet und in den Hausarrest überstellt worden. Die Videoaufnahmen hatten Alberto Muraglia dabei gezeigt, wie er nur mit der Unterwäsche bekleidet die Stempelkarte durch das Lesegerät gezogen hatte.

„Aber unsere Wohnung befindet sich mitten auf dem Obstmarkt. Wir haben eine Erklärung für alle beanstandeten Vorfälle“, hatte bereits vor fünf Jahren seine Ehefrau zu Protokoll gegeben. Vor vier Jahren, im Januar des Jahres 2016, war Alberto Muraglia gekündigt worden. Allerdings hatte Alberto Muraglia gegen die Entscheidung der Gemeinde vor dem Arbeitsgericht sofort Rekurs eingelegt.

Fast vier Jahre später bekam der „Stadtpolizist in Unterhosen“ in der Vorverhandlung recht. „Es liegt keine Straftat vor“, so der Vorverhandlungsrichter von Sanremo, Paolo Luppi. Während der Vorverhandlungsrichter noch 90 Tage Zeit besitzt, sein Urteil zu begründen, versuchte der Anwalt von Alberto Muraglia, Alessandro Moroni, die Entscheidung des Gerichts zu erklären, indem er sie mit der „Arbeitsanzugszeit“ verglich.

„Wie für viele Fabrikarbeiter, aber auch für die Stadtpolizisten beginnt die Arbeitszeit ab dem Zeitpunkt, an dem sie den Arbeitsplatz erreichen und sich in die Umkleideräume begeben, um die Arbeitskleidung anzuziehen. Muraglia war sowohl Stadtpolizist als auch Aufseher des Marktes. Um 5.30 Uhr öffnete er noch bürgerlich bekleidet die Tore des Marktes. Anschließend kehrte er in seine Wohnung zurück, nahm die Uniform und zog die Stempelkarte durch das Lesegerät. Im Laufe eines Jahres wurde mein Klient nur viermal dabei gefilmt, wie er nur mit der Unterwäsche bekleidet die Stempelkarte benutzt. Aber aus den obengenannten Gründen war alles rechtens. Nur das von den Ermittlern verbreitete Video war vollkommen aus seinem Sinnzusammenhang gerissen“, so der Rechtsbeistand des Stadtpolizisten.

Trotz der zehn Freisprüche, zeigte sich die Anklage aber dennoch zufrieden. Abgesehen vom Fall des „Stadtpolizisten in Unterhosen“ bestätigte das Gericht die Ermittlungsergebnisse der Staatsanwaltschaft und der Finanzpolizei. Gegen 16 ehemalige, des Absentismus beschuldigte Bedienstete der Stadtgemeinde Sanremo wurde das Hauptverfahren eröffnet. 16 weitere Angeklagte stimmten einem gerichtlichen Vergleich zu.

Während Alberto Muraglia und neun weitere Beschuldigte nach der Vorverhandlung zufrieden nach Hause gehen konnten, löste der „Fall von Sanremo“ in der italienischen Öffentlichkeit eine rege Debatte um Sinn und Zweck des Arbeitsrechts sowie um das leider weit verbreitete Phänomen des Absentismus aus.

 

Von: ka

Kommentare

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15 Kommentare auf "Überraschung: Richter spricht “Stadtpolizist in Unterhosen” frei"


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Rudino67
Rudino67
Neuling
29 Tage 15 h

Ich glaube
das Foto spricht für sich alleine. Unmöglich das ein Stadtpolizist in Unterhose
abstempeln kann, ein  solcher Freispruch kann auch nur in unserem Land  gefällt
werden.

Suedtirol quo vadis
29 Tage 6 h

In “unserem” Land? Auch dies spricht Bände wie weit wir gekommen sind.

Jiminy
Jiminy
Superredner
29 Tage 13 h

im paese dei furbetti ist so was ganz normal.

wellen
wellen
Universalgelehrter
29 Tage 13 h

Mag moralisch seltsam sein, aber rechtlich ist es in Ordnung. Alles Personal das Dienstkleidung anziehen muss, stempelt VOR dem Umziehen. Also könnten theoretisch auch nackt stempeln.

josscko
josscko
Neuling
29 Tage 10 h

Diese Aussage stimmt so allgemein schon mal nicht!!
In 1. Linie hängt es davon ab, ob es der Arbeitgeber vorschreibt, dass die Dienstkleidung am Arbeitsort angezogen werden MUSS.

Davon ist in diesem Fall wohl eher nicht auszugehen, daher hat der Richter wohl ein falsches Urteil gefällt.

Karl
Karl
Superredner
29 Tage 5 h

Habe selten einen größeren Blödsinn gelesen. Aber es macht ja keinen großen Unterschied den der Großteil dieser “Furbetti” abeitet auch nach dem stempeln nicht. Der Richter sollte nach einem solchen skandalösen Urteil genauso entlassen werden wie es diesem Unterhosen – Sheriff mehr als gebührt.

josscko
josscko
Neuling
29 Tage 3 h

@Karl Nur ist es so. Denn in den meisten Fällen zählt die Ankleidezeit (sog. “tempo tuta”) eben NICHT zur Arbeitszeit. Warum sollte sie auch?
Ein Polizist kann sich ohne Weiteres auch zu Hause ankleiden und in der Dienstkleisung zur Arbeit gehen (außer der Arbeitgeber will dies nicht). Hingegen gibt es andere Berufe, wo vor allem aus Gesundheits- oder Hygienegründen (Krankenhaus, Lebensmittelproduktion) der Mitarbeiter die Dienstkleidung nur am Arbeitsort anziehen darf.

primetime
primetime
Tratscher
29 Tage 13 h

Vor vielen Jahren hatte ich mal in den Schulferien in einem Betrieb gearbeitet bei dem auch gestempelt wurde. Die Anziehzeit gehörte da definitiv NICHT dazu! Was stimmt nun?

ma che
ma che
Superredner
29 Tage 11 h

Im Krankenhaus gehört die Anziehzeit zur Arbeitszeit. ABER: man darf nicht mehr als 5 Minuten vor der Arbeitdzeit einstempeln, dann muss man erst Mal in seine Umkleide, sich umziehn, die Teils schon mehr als 5 Minuten Laufzeit vom eigentlichen Arbeitsplatz entfernt ist. Dann sollte man noch in Windeseile die Übergabe machen, da der Kollege ja auch nicht länger als 5min danach ausstempeln soll. Wohl gemerkt müsste der sich auch noch umziehen. Ja so hat man dann auf Papier die Ankleidezeit eingerechnet, bringt aber vielen praktisch gar nichts.

Staenkerer
29 Tage 11 h

in an großbetrieb in brixn giltet a: stempeln NACH dem umkleidn!
werd ober worscheinlich a betriebsinternes “gsetz” sein!
man sicht holt das ban polizei”betrieb” a noch derm stempeln umgezochn wern konn!
i möcht nit wissn wieviel “furbi” ba ins sein de no viel schlimmer sein wie der putz in unterhosn!

Savonarola
29 Tage 11 h

Traurig zu sehen, dass die Richter immer wieder nur auf irgendeine Ausrede warten, um einen Freispruch erlassen zu können.
Wenn die Umziehzeit zur Arbeitszeit gehört, warum hat er dann nur zum Anziehen eingestempelt und die Ausziehzeit verschenkt?
Für Moral, Würde, Anstand und Ehre der öffentlichen Bediensteten ein herber Rückschlag.

wiakimpdir4
wiakimpdir4
Tratscher
29 Tage 14 h

Hat er das Stempelgerät in der Wohnung? Also er stempelt vor dem Anziehen der Uniform um 1 Minute Arbeitszeit zu gewinnen, da das zur Arbeitszeit gehört? Aber das Öffnen der Markttore macht er vorher “gratis” in zivil und ohne stempeln? Bravo der Richter….

tzick
tzick
Neuling
29 Tage 10 h

auch wenn ich sehr früh oder im Stress arbeiten gehe,,, stemple ich sicher nicht in Unterhosen! Bei uns arbeiten auch mehrere Frauen zwecks Anzeige wegen unsittlichen Verhaltens usw….. zum Schluss würde ich mich schämen als Amtsperson so aufzutreten… Respekt erarbeitet man sich so nicht.

nuisnix
nuisnix
Superredner
28 Tage 15 h

“Bei uns arbeiten auch mehrere Frauen zwecks Anzeige wegen unsittlichen Verhaltens usw”

Ist das wirklich der einzige Grund, warum bei euch Frauen arbeiten?

vitus
vitus
Tratscher
29 Tage 4 h

Wer ehrlich ist, zieht in Italien den Kürzeren!

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