Von: ka
Garlasco – In einem vor 19 Jahren begangenen Mordfall bahnt sich eine dramatische Wende an. Laut der zuständigen Staatsanwaltschaft von Pavia, die den Fall neu aufgerollt hatte, wurde Chiara Poggi nicht von ihrem damaligen Freund Alberto Stasi ermordet.
Dieser war nach zwei Freisprüchen im Jahr 2015 vom Kassationsgericht endgültig zu 16 Jahren Haft verurteilt worden. Stattdessen soll der beste Freund vom Bruder des Opfers, Andrea Sempio, der Täter sein. Den Ermittlern zufolge war der zum Tatzeitpunkt 19-Jährige vom Opfer besessen, nachdem er zufällig intime Videos von Chiara und Alberto Stasi gesehen hatte.
Laut der in der Anklageschrift veröffentlichten Rekonstruktion, die den Ermittlern zufolge von einer Vielzahl von Indizien und Beweisen gestützt wird, soll Andrea Sempio Chiara Poggi in der Villa in der Via Pascoli in Garlasco getötet haben, weil die junge Studentin seine Annäherungsversuche zurückgewiesen hatte. Er soll ihr wiederholt mit einem stumpfen Gegenstand auf den Kopf geschlagen haben. Anschließend soll er ihre Leiche in den Keller gebracht und ihr dort weitere vier bis fünf Schläge versetzt haben. Das hieße auch, dass die Verurteilung von Alberto Stasi wegen Mordes einer der größten Justizirrtümer Italiens wäre. Der junge Mann sitzt schließlich seit mehr als zehn Jahren hinter Gittern – möglicherweise als Unschuldiger.

Die Staatsanwälte von Pavia sind überzeugt, dass Andrea Sempio Chiara Poggi in der Villa in der Via Pascoli in Garlasco getötet hat, weil sie seine Annäherungsversuche zurückgewiesen hatte. Das sexuelle Motiv für den Mord wird erstmals in der Vorladung erwähnt, die der neue Verdächtige erhalten hat.
Doch woher rührt diese Überzeugung? Und warum ist in dem von Stefano Civardi, Giuliana Rizza und Valentina De Stefano unterzeichneten Dokument die „Beihilfe” durch Alberto Stasi und andere Unbekannte verschwunden? Den Ermittlern zufolge war Sempio von Chiara besessen. Grund dafür sind die intimen Amateurvideos, die sie und ihr Freund drehten und dann auf dem PC speicherten. Diese hat der Verdächtige ihrer Meinung nach gesehen – und das bei mehreren Gelegenheiten. Ein Umstand, der möglicherweise durch das IT-Gutachten untermauert wurde, das der Anklage beigefügt wird.
In der Anklageschrift steht vor allem die Rekonstruktion des Tathergangs im Vordergrund. Dies gelang dank des forensisch-medizinischen Gutachtens der Pathologin Cristina Cattaneo und der forensischen Untersuchung der Form und Lage der Blutspuren am Tatort durch die Spurensicherung vom RIS aus Cagliari unter der Leitung von Oberst Andrea Berti.
Zusammen mit den 3D-Analysen des Hauses in der Via Pascoli bilden diese die wissenschaftlichen Beweise, die laut der Staatsanwaltschaft von Pavia ausreichen, um Sempio anzuklagen – und ihrer Ansicht nach zu verurteilen. Insbesondere werden die anthropometrischen Analysen, also die Messungen der Gliedmaßen, herangezogen. Diese hätten eine erhebliche Übereinstimmung zwischen den Verletzungen am Körper von Chiara, den Blutspuren und dem Körperbau von Sempio ergeben.

Gegen Sempio sprechen zudem das falsche Alibi durch den Parkschein, der Handabdruck Nr. 33 an der Kellerwand sowie die mutmaßlichen Blutspuren. All diese Beweise dienen dazu, zu belegen, dass Sempio zum Zeitpunkt des Mordes vor Ort war – ein Umstand, der auch für Stasi entscheidend war.
Das Urteil gegen Chiaras Freund nennt zwar kein konkretes Motiv, besagt aber, dass „auch wenn das Motiv für den Mord von Garlasco unbekannt geblieben ist, es der Tatort ist, der ihn in jenem intimen Verhältnis ausmacht, das eine Emotionalität auslöst, die nur einer Person eigen sein kann, die emotional mit dem Opfer verbunden ist“. Es sind also, so die Argumentation der Staatsanwaltschaft, die Tatsachen, die zeigen, dass Sempio getötet hat. Das Motiv ist dabei zweitrangig.
Wie der Corriere della Sera berichtet, soll Andrea Sempio zwischen 2009 und 2016 unter dem Namen „Andreas“ im Forum „Italian Seduction“ rund 3.000 Beiträge verfasst haben. Einige davon sind sehr problematisch und lassen Rückschlüsse auf eine Besessenheit für eine bestimmte Frau zu. „Ich befand mich in einer schwierigen Phase meines Lebens, als ich zwischen 18 und 20 Jahre alt war“, heißt es in einem der ihm zugeschriebenen Beiträge.
An anderer Stelle wird behauptet, eine Verlobte stelle kein „unüberwindbares Hindernis“ dar. In anderen Beiträgen finden sich noch beunruhigendere Äußerungen. So wird darin unter anderem Vergewaltigung aus biologischer und evolutionärer Perspektive betrachtet: „Rational betrachtet mag es ein Grauen sein, aber aus der Sicht der Biologie, der Evolution und der Fortpflanzung ist Vergewaltigung ein praktischer Beweis für die Stärke des Mannes. Sie ist der ‚Beweis‘, dass er seinen Nachkommen Eigenschaften wie Stärke und Aggressivität vererben wird, die für das Überleben in der Natur äußerst nützlich sind.“

Um jedoch zu verstehen, warum die intimen Videos mit dem Mord in Verbindung stehen, muss man noch einmal auf Marco Poggi zurückkommen. Chiaras Bruder steht seit Jahren im Mittelpunkt einer Kampagne voller Verschwörungstheorien, die ihn als in den Mord an seiner Schwester verwickelt darstellen. Die damaligen Ermittlungen ergaben, dass es mindestens ein intimes Video von Chiara Poggi und Alberto Stasi gab, von dem Marco Poggi Kenntnis gehabt haben soll.
„Vor etwa einem Jahr, als ich ins Schlafzimmer meiner Schwester ging, um den Computer zu benutzen und im Internet zu surfen, sah ich, dass Chiara den Computer angelassen hatte und er noch mit dem Internet verbunden war. Chiara befand sich unterdessen im Wohnzimmer und sagte mir, dass sie eine Datei von Albertos Computer herunterlade, mit dem sie über das Programm MSN-Messenger verbunden war“, sagte er den Carabinieri.

Was Marco damals nicht gesagt hat, aber bei der letzten Vernehmung wahrscheinlich erwähnt hat, ist die Frage, ob Sempio diese Videos vielleicht auch gesehen hat. Den Ermittlern zufolge war es genau so. Die Anklage stützt sich höchstwahrscheinlich auf das IT-Gutachten, das der Experte Paolo Dal Checco zu Chiaras PC erstellt hat. In der Vorladung wird behauptet, Sempio habe „aus niederträchtigen Motiven gehandelt, die auf den Hass gegenüber dem Opfer infolge der Ablehnung seiner sexuellen Annäherungsversuche zurückzuführen sind”. Laut der Mailänder Zeitung Il Giornale könnte dies auf die Entdeckung der Zugriffe Sempios auf diesen PC zurückzuführen sein, als Chiara nicht zu Hause war – eine fast unglaubliche Entdeckung 19 Jahre nach der Bluttat.

Dies ist ein zentraler Aspekt der Mordpsychologie. Andrea Sempio sieht die Sexvideos von Chiara und Alberto und wird von ihr besessen. Die junge Studentin spürt das möglicherweise, spricht aber sicherlich nicht mit ihrem Freund darüber, um keine heftigen Reaktionen auszulösen. Dann beschließt Andrea, dass auch er Chiara will. Sie weist ihn zurück, woraufhin er sie tötet. Wie glaubwürdig diese Rekonstruktion ist und ob sie tatsächlich ausreicht, um die Geschichte des Verbrechens neu zu schreiben, werden die Richter entscheiden.
Der fast zwei Jahrzehnte zurückliegende Mordfall, der die italienische Öffentlichkeit seit Jahren in seinen Bann zieht, könnte sich zu einem der größten Justizskandale Italiens entwickeln. Viele Beobachter sind der Meinung, dass die damals gegen Alberto Stasi zusammengetragenen Indizien niemals ausgereicht hätten, um ihn wegen Mordes zu verurteilen.








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