Von: mk
Bozen – Der massive Einsturz des Gerichtsgebäudes hat Südtirols Landeshauptstadt in den frühen Morgenstunden in Atem gehalten. Gegen 6.20 Uhr krachten Teile des Bauwerks im mittleren Bereich bei der Haupthalle hinter den Säulengängen auf den Boden. Dort, wo in Verhandlungssälen normalerweise Recht gesprochen wird, klafft mittlerweile ein großes Loch.
Der Einsturz ereignete sich im Morgengrauen, als sich ein Team einer Reinigungsfirma im Gebäude befand. Christian Auer, leitender Brandinspektor der Bozner Berufsfeuerwehr und einer der ersten Einsatzkräfte vor Ort, schildert die dramatischen Szenen bei seiner Ankunft: „Als wir eintrafen, war der gesamte zentrale Teil des Gerichtsgebäudes kollabiert. Mein erster Gedanke war sofort, dass sich noch Menschen unter den Trümmern befinden könnten.“

In der Tat war die Lage auch danach noch brandgefährlich, da weite Teile des Gebäudes weiterhin akut einsturzgefährdet waren. Bei der ersten Personenkontrolle der Reinigungsfirma fehlte zunächst ein Mitarbeiter. „Wir konnten die vermisste Person schließlich telefonisch im Gebäude lokalisieren“, erklärt Auer laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Ansa. Die Einsatzkräfte reagierten schnell und lotsten den Mitarbeiter über einen noch sicheren Gebäudeteil unbeschadet ins Freie.

Wie Gerichtspräsidentin Francesca Bortolotti laut Ansa bestätigt, befanden sich zum Zeitpunkt des Einsturzes drei Mitarbeiter der Reinigungsfirma im Gebäude. Nur eine einzige Person wurde von den Trümmern am Arm gestreift und hat leichte Verletzungen davongetragen. „Wir können von einem Wunder sprechen, dass nicht mehr passiert ist. Der Vorfall hätte leicht in einer Tragödie enden können“, so die Gerichtspräsidentin.
Aufgrund des Ausmaßes der Zerstörung lag der Verdacht auf einen Anschlag zunächst nahe: „Anfangs dachte ich an eine Bombe, ein Attentat“, gesteht Auer. Diese Befürchtung bestätigte sich nach den ersten Untersuchungen jedoch nicht. Wie berichtet, konnte eine Explosion als Ursache ausgeschlossen werden.
Zentraler Teil des Gerichts unbenutzbar
Trotzdem ist der Schaden enorm. „Der gesamte mittlere Teil des Gerichts ist gesperrt“, erklärt Staatsanwalt Axel Bisignano laut Ansa. Die Ursache des Zusammenbruchs sei derzeit noch unklar. „Nun gilt es, den Betrieb so schnell wie möglich wiederherzustellen und zu klären, wie wir die Mitarbeiter so rasch wie möglich aufteilen.“ Derzeit wird vermutet, dass der Einsturz in Zusammenhang mit Sanierungsarbeiten steht. Berichten zufolge hat das Dach der Haupthalle nachgegeben, außerdem brachen mehrere Wände ein. Weil es im mittleren Teil in der Vergangenheit eine Aufstockung gegeben hat, könnte Medienberichten zufolge die Statik nicht mehr gestimmt haben. Eine offizielle Bestätigung liegt aber noch nicht vor.
Kompatscher: „Großes Glück im Unglück“
Das Gerichtsgebäude ist seit 2018 im Besitz des Landes Südtirol. Wie für andere öffentliche Gebäude auch, hat die Landesverwaltung einen mehrjährigen Sanierungsplan angeordnet. Im Zuge dessen seien die Arbeiten abgewickelt worden, wie Landeshauptmann Arno Kompatscher laut Ansa bestätigt. „Inwieweit diese Eingriffe mit dem heutigen Ereignis zusammenhängen, ist ein Aspekt, der unbedingt genauer untersucht werden muss und noch vollständig zu klären ist“, betont Kompatscher.

Um den Gerichtsbetrieb trotz der schweren Schäden aufrechtzuerhalten, arbeiten das Land und die Behörden unter Hochdruck zusammen. Erste Begehungen durch die zuständigen Ämter haben bereits begonnen, um schnellstmöglich alternative Räumlichkeiten in unmittelbarer Nähe des Gerichts zu finden.
Trotz der logistischen Herausforderungen zeigt sich der Landeshauptmann vor allem über den glimpflichen Ausgang erleichtert: „Wir hatten großes Glück im Unglück. Es ist unvorstellbar, was passiert wäre, wenn der Einsturz zu einem anderen Zeitpunkt – während des regulären Betriebs – stattgefunden hätte. Dass es keine Verletzten oder Opfer gibt, ist derzeit das Wichtigste. Alles andere lässt sich reparieren.“
Auch viele Bürger zeigen sich erschüttert. Untertags herrscht im Gebäude Hochbetrieb, ständig gehen Personen ein und aus und bewegen sich vom linken zum rechten Flügel des Bauwerks. Auch der Portier war zum Zeitpunkt des Einsturzes anwesend und hat den Zusammenbruch mit eigenen Augen miterlebt. „Ich habe einen lauten Knall gehört, viel Staub wurde aufgewirbelt“, erklärt der Portier italienischen Medien gegenüber. Alessandro Tonon, Kammerpräsident der Südtiroler Strafverteidiger, sieht die Situation pragmatisch: „Glücklicherweise haben wir Juli, wo weniger Verfahren stattfinden.“ Bis September hofft er allerdings, dass das Land und die Präsidentschaft eine Lösung finden, damit ein Neustart möglich wird. Derzeit stünden alle unter Schock, doch das Leben gehe weiter, meint Tonon. Froh ist er nur über eines: „Zum Glück ist es um 6.00 Uhr in der Früh passiert und nicht um 10.00 Uhr vormittags.“
Polemiken nach dem Einsturz
Nach dem Einsturz des Gebäudes blieben auch die Polemiken nicht aus. Der Landtagsabgeordnete Jürgen Wirth Anderlan hat in einem Beitrag auf Facebook über den Vorfall jubiliert: „Der Faschistentempel stürzt ein – ein guter Tag für Südtirol“, verkündete der Landtagsabgeordnete. Scharfe Kritik kommt vom Südtiroler Abgeordneten von Fratelli d’Italia, Alessandro Urzì. Seiner Ansicht nach handelt es sich um „unmoralische Äußerungen, die mit dem gesellschaftlichen Zusammenleben unvereinbar sind“.

Die Süd-Tiroler Freiheit hat unterdessen angekündigt, das Thema in den Landtag zu bringen. „Der Einsturz eines erheblichen Teils des Bozner Justizpalastes ist ein unübersehbares Alarmsignal. Hätte sich der Einsturz nur wenige Stunden später während des laufenden Gerichtsbetriebs ereignet, hätte er sehr viel schlimmer ausgehen und zahlreiche Menschenleben fordern können.“ Die Mängel seien bekannt gewesen. Die Süd-Tiroler Freiheit fordert außerdem, dass der „marode Faschistenbau“ nicht mit weiteren Millionenbeträgen notdürftig zusammengeflickt werden dürfe. „Er muss umgehend vollständig abgerissen und durch ein modernes, funktionales, barrierefreies und sicheres Justizgebäude ersetzt werden, das den heutigen Anforderungen entspricht.“ Weil das Land für das Gebäude zuständig ist, fordert die Bewegung zudem den Rücktritt von Landesrat Christian Bianchi.

Freieitliche erleichtert: „Jetzt entschlossen handeln“
Auch die Freiheitlichen reagieren auf die Beinahe-Tragödie. Mit großer Erleichterung habe man die Nachricht aufgenommen, dass beim Teileinsturz des Gerichtsgebäudes in Bozen keine Menschen ums Leben gekommen sind. Angesichts des Ausmaßes der Schäden grenze dies an ein Wunder, so Roland Stauder, Obmann der Freiheitlichen.
Nun müsse der Blick nach vorne gerichtet werden, die Freiheitlichen fordern eine rasche und unbürokratische Übergangslösung. „Die Justiz ist eine tragende Säule eines Rechtsstaates und darf nicht über Wochen oder gar Monate nur eingeschränkt arbeitsfähig sein. Die zuständigen Stellen sind daher aufgerufen, schnellstmöglich geeignete Ausweichräumlichkeiten bereitzustellen, damit Gerichtsverfahren und Verwaltungsabläufe ohne unnötige Verzögerungen fortgeführt werden können. Bereits jetzt wird mit erheblichen Einschränkungen des Gerichtsbetriebs gerechnet. Gerade viele ältere Menschen warten auf Entscheidungen über Sachwalterschaften, Familien auf Erbscheine oder Bürgerinnen und Bürger auf dringend notwendige gerichtliche Entscheidungen“, so Stauder. Für sie bedeute jeder zusätzliche Aufschub große persönliche Belastungen und oft auch erhebliche wirtschaftliche Nachteile.






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