Von: APA/dpa/Reuters/AFP
Israel eskaliert den Konflikt im Süden des Libanon. Das Militär zerstörte am Sonntag eine der wichtigsten Brückenverbindungen der Region. Zuvor hatte die Armee den Befehl erhalten, sämtliche Übergänge über den Fluss Litani unbrauchbar zu machen und den Abriss von Häusern nahe der Südgrenze zu forcieren. Der libanesische Präsident Joseph Aoun warnte angesichts der neuen Angriffswelle auf Stellungen der pro-iranischen Hisbollah vor einer “israelischen Bodeninvasion”.
Die gezielten Attacken auf Brücken seien eine “gefährliche Eskalation” und “Vorboten einer Bodeninvasion”, erklärte Aoun am Sonntag. In Folge kündigte Israels Armee eine Ausweitung ihrer Bodeneinsätze gegen die pro-iranische Hisbollah-Miliz im Libanon an. “Der Einsatz gegen die Terrororganisation Hisbollah hat gerade erst begonnen”, erklärte Armeechef Ejal Samir. Es handle sich einen “langwierigen Einsatz”. Die Armee bereite sich nun darauf vor, “die gezielten Bodeneinsätze und Angriffe entsprechend einem organisierten Plan voranzutreiben”.
Die israelische Armee hatte zuvor neue Luftangriffe auf “terroristische Infrastruktur im Südlibanon” verkündet. Nördlich der Stadt Tyros wurde eine wichtige Brücke getroffen. Die Zerstörung ziviler Infrastruktur bedeutet eine deutliche Zuspitzung der israelischen Offensive.
Ein Korrespondent der Nachrichtenagentur AFP sah nach der Attacke auf die Brücke von Kasmiyeh Rauch aufsteigen. Diese führt über den Fluss Litani und befindet sich an der Hauptküstenstraße, die die Region Tyros mit dem Rest des Landes verbindet.
Aoun verurteilt “Zerstörung von lebenswichtigen Einrichtungen”
Aoun verurteilte die “Zerstörung von Infrastruktur und lebenswichtigen Einrichtungen im Südlibanon”, darunter die nahe Tyros gelegene Brücke von Kasmiyeh. Die israelischen Angriffe stellten eine “eklatante Verletzung der Souveränität des Libanon” dar und könnten “als Vorbote einer Bodeninvasion” betrachtet werden, erklärte der libanesische Präsident.
Der Fluss Litani spielt seit Jahren eine wichtige Rolle in den Anstrengungen, die Hisbollah-Miliz zurückzudrängen. Die Regierung in Beirut hatte im vergangenen Jahr die libanesische Armee angewiesen, bis Ende 2025 die militärische Infrastruktur der Hisbollah südlich des Litani zu zerstören und die Miliz anschließend auch im Rest des Landes zu entwaffnen. Aus Israels Sicht setzte die libanesische Armee dieses Vorhaben jedoch nur unzureichend um. Bereits Ende des vergangenen Jahres verstärkte die israelische Armee ihre Angriffe auf die Hisbollah.
Hauptverkehrsader zerstört
Bei einem Angriff am Sonntag wurde ein Übergang auf der Küstenautobahn völlig zerstört, der durch landwirtschaftliches Gebiet führte. Er galt als eine der Hauptverkehrsadern zwischen dem Süden und dem Zentrum des Landes.
Israels Verteidigungsminister Israel Katz hatte zuvor am Sonntag erklärt, das Militär habe den Befehl erhalten, alle für terroristische Aktivitäten genutzten Brücken über den Fluss Litani zu zerstören. Damit solle verhindert werden, dass Kämpfer und Waffen der Hisbollah-Miliz in den Süden gelangen. In den vergangenen zehn Tagen hat Israel damit nun schon mehrere Brücken im Südlibanon zerstört.
Katz zufolge wurde das Militär zudem angewiesen, den Abriss libanesischer Häuser in den Grenzdörfern zu beschleunigen, um Bedrohungen für israelische Gemeinden auszuschalten. Er verglich das Vorgehen mit dem Modell im Gazastreifen, wo das Militär durch die Räumung und Zerstörung von Gebäuden in Grenznähe Pufferzonen geschaffen hatte. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch sprach von Kriegsverbrechen.
Israelischer Zivilist getötet
Zuvor war ein israelischer Zivilist in seinem Auto nahe der Grenze zum Libanon durch Beschuss aus dem Nachbarland getötet worden. Dies war der erste zivile israelische Tote durch Feuer aus dem Libanon im aktuellen Krieg. Zudem wurden zwei Soldaten Israels bei Kämpfen im Südlibanon getötet. Auf libanesischer Seite starben nach amtlichen Angaben durch israelische Angriffe mehr als 1.000 Menschen, darunter fast 120 Kinder, 80 Frauen und 40 medizinische Fachkräfte. Die libanesischen Behörden unterscheiden ansonsten nicht zwischen Zivilisten und Kämpfern.
HRW spricht von “Kriegsverbrechen”
Das Vorgehen Israels stößt international auf Kritik. Der UN-Menschenrechtskommissar verurteilte die Aktionen. Ramzi Kaiss von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) sagte Reuters, das Völkerrecht verlange von Konfliktparteien, zivile Schäden bei Angriffen auf Infrastruktur wie Brücken zu berücksichtigen, selbst wenn diese militärisch genutzt würden. “Wenn all diese Brücken zerstört werden und die Region südlich des Litani vom Rest des Landes isoliert wird, dann wird der zivile Schaden so immens sein, dass es zu einer humanitären Katastrophe kommt.” Die Menschen im Süden hätten dann keinen Zugang mehr etwa zu Nahrungsmitteln und Medikamenten. Die Zerstörung von Häusern im Südlibanon sei ein Kriegsverbrechen.
Iranische Raketenangriffe auf Israels Süden
Bei iranischen Raketenangriffen auf Israels Süden war es zuvor nach Militärangaben zu direkten Einschlägen in den Wüstenstädten Arad und Dimona gekommen. Die Zerstörungen seien “katastrophal”, mehr als hundert Menschen seien verletzt worden, davon Dutzende schwer, sagte ein israelischer Militärsprecher. Bei einem iranischen Raketenangriff auf Tel Aviv wurden 15 Menschen verletzt, einer davon schwer. Bei einem Raketenangriff auf den Norden Israels wurde ein Mensch getötet.
Laut Polizei gab es mehrere Einschläge im Bereich des Großraums Tel Aviv. Ein Armeesprecher teilte mit, der Iran habe bei dem Angriff erneut Streumunition eingesetzt. Eine Rakete mit Streumunition zerbricht häufig über dem Ziel in der Luft und verteilt dann Submunitionen, auch Bomblets genannt, über einem großen Gebiet. Nach Militärangaben beträgt der Radius der Einschläge bei dieser Art von Waffe rund zehn Kilometer.
Kein Kommentar zur Sicherheit von Atomreaktor
Der Militärsprecher wollte sich nicht zur Frage äußern, warum die Raketen in Arad und Dimona nicht von der Raketenabwehr gestoppt werden konnten. Auf die Frage, ob es Sorge um die Sicherheit des israelischen Atomreaktors in der Nähe von Dimona gebe, sagte er: “Kein Kommentar.” Iranische Staatsmedien hatten berichtet, die Raketenangriffe auf die Wüstenstädte hätten einer Atomforschungsanlage gedient, die etwa zehn Kilometer von Dimona und 30 Kilometer von Arad entfernt liegt.
Bilanz seit Kriegsbeginn
Seit Kriegsbeginn am 28. Februar habe der Iran mehr als 400 ballistische Raketen auf Israel abgefeuert. Etwa 92 Prozent der Geschosse seien von der israelischen Raketenabwehr abgefangen worden. In dem Zeitraum von gut drei Wochen habe es vier direkte Einschläge in israelischen Städten gegeben – in Tel Aviv, Beit Shemesh, Arad und Dimona. Dazu kommen Einschläge von Raketentrümmern oder von Bomben aus Streumunition. Bei den iranischen Raketenangriffen in Israel habe es bisher nur zivile Opfer gegeben, sagte der Sprecher.
Der Libanon wurde am 2. März in den regionalen Krieg hineingezogen, als die Hisbollah-Miliz israelisches Gebiet beschoss. Israelischen Vertretern zufolge zielen die Luft- und Bodenangriffe darauf ab, die Bewohner im Norden Israels vor diesen Angriffen zu schützen. Anfang März hatte Katz die libanesische Regierung gewarnt, sie müsse mit Schäden an der Infrastruktur und Gebietsverlusten rechnen, falls die Hisbollah nicht entwaffnet werde. Die libanesische Regierung hat die militärischen Aktivitäten der Hisbollah verboten und erklärt, sie wolle in direkte Gespräche mit Israel eintreten.




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