Renommierte Forscherin: Ruth Wodak (75)

Linguistin Ruth Wodak fordert “reflektierte Entschleunigung”

Montag, 05. Januar 2026 | 05:02 Uhr

Von: apa

Ruth Wodak, prominente Sprachwissenschafterin und Wittgenstein-Preisträgerin, lebt seit ihrer Emeritierung an der Universität Lancaster wieder in Wien. Die Veränderungen in Post-Brexit-England gefallen der 1950 in London Geborenen so wenig wie die Diskursverschiebungen durch Trump und die europäische Rechte. Im Interview mit der APA macht die Soziolinguistin und Diskursforscherin deutlich, dass es erhöhter Anstrengungen bedarf, der “Retrotopie” Alternativen entgegenzusetzen.

“Trump ist ernst zu nehmen!”

APA: Frau Professorin Wodak, reißt es Sie als Sprachwissenschafterin auch jedes Mal, wenn Sie US-Präsident Donald Trump im O-Ton hören?

Ruth Wodak: Ich habe Donald Trump und seine Rhetorik schon während seiner ersten Amtszeit analysiert. Wirklich überrascht war ich noch bei seiner Wahlkampagne 2015/16, von der Explizitheit und Brutalität seiner Beleidigungen. Ich habe schon damals gesagt: Wir müssen aufpassen, Trump ist ernst zu nehmen! Er spricht durch diese Art des Diskurses viele Menschen an, die ihn als “einer von uns” empfinden, obwohl er das natürlich nicht ist. Sein Ausspruch, er könne auf der 5th Avenue jemanden erschießen, und es wäre egal, hat sich im metaphorischen Sinn bewahrheitet: Alles geht durch! Was mich heute überrascht, ist seine total bizarre Politik, dieses Hin und Her. Man kann nicht mehr vorhersagen oder -sehen, was passieren wird. Man gewinnt auch zunehmend den Eindruck, dass er sehr alt geworden ist. Und es ist nicht sicher, ob er wirklich immer so klar weiß, was er sagt und ankündigt.

APA: Das hieße, er ist mehr situationsgetrieben, als dass er eine echte Agenda verfolgt?

Wodak: Die Form ist von den Inhalten eines Diskurses nicht zu trennen. Die Beleidigungen, Provokationen, Lügen und Rechtsverletzungen sind durchaus intendiert und quasi ein Katalysator, um gewisse Politiken durchzubringen. Ich bezeichne das als schamlose Normalisierung. Trump positionierte sich mit dem Dokument “2025 Presidential Transition Project”, das viele leider nicht ernstgenommen haben, und setzt dieses Vorhaben Schritt für Schritt um. Er legitimiert diese Vorgangsweise, indem er Schuldige und Sündenböcke definiert. Damit verbreitet er Angst und hat zudem durch Massenentlassungen bewusst viele institutionelle Bereiche sofort geschwächt. Er hat Gesetze gebrochen und die National Guard und die ICE in Städte und States geschickt, obwohl dies gesetzlich verboten ist. Ich selbst habe, als ich Ende März eine Woche in den USA war, die Angst der Menschen miterlebt. Die ist auch ein Grund, warum es bisher kaum zu Massenprotesten gekommen ist.

“Ich glaube, dass die ‘Big Daddy’-Haltung nichts mehr nützt”

APA: Das jüngste Dokument der Trump-Administration richtete sich nicht nach innen, sondern nach außen: Die neue “Nationale Sicherheitsstrategie” der USA ist eine einzige Kampfansage gegen ein vereintes Europa. Bisher war die Strategie europäischer Spitzenpolitiker, “Big Daddy” bei Laune zu halten, so entwürdigend das ist. Kann das so weiter gehen?

Wodak: Ich bin keine Politikwissenschafterin, ich kann nur sagen, was diese Diskursverschiebung bedeutet. Sie ist eine Kampfansage, eine klare Intervention in die EU-Politik, aber auch in nationalstaatliches Eigenleben, indem er gezielt die jeweiligen Rechtsaußenparteien anspricht. Er will seine traditionellen, konservativen und autoritären Werte, für die MAGA steht, auch in Europa durchsetzen. Ich persönlich glaube, dass die “Big Daddy”-Haltung nichts mehr nützt.

“Man kann nicht nur immer dagegen sein”

APA: Auch in Europa werden lange tabuisierte Begriffe bewusst verwendet, um sie wieder salonfähig zu machen. Wie lässt sich gegen diese Diskursverschiebung angehen?

Wodak: Man muss etwas Positives, einen Gegendiskurs bieten. Aus den vielen Analysen politischer Kommunikation weiß ich: Man kann nicht nur immer dagegen sein, man muss auch sinnvolle Alternativen bieten und mit positiven Erzählungen an die Wählerinnen und Wähler herantreten. Die “Retrotopie”, die jetzt verbreitet wird, beinhaltet u.a. eine revisionistische Vergangenheitspolitik und ein Zurück zu einer sehr traditionellen Geschlechterpolitik. Da muss man faktenbasiert und mit positiven Metaphern und attraktiven Bildern eine Alternative herausarbeiten, um das hochzuhalten, wofür die EU steht: für Grundwerte und Menschenrechte.

Nicht der Geschwindigkeit der neuen Medien beugen!

APA: In eine ganz andere Richtung geht die Entwicklung von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz. In welchem Ausmaß wird das unsere Sprache und unser Denken verändern?

Wodak: Das kann man heute noch gar nicht richtig abschätzen. Wir sind alle gefragt, etwas Positives aus dieser neuen Situation zu machen. Wichtig ist, sich nicht der Geschwindigkeit der neuen Medien zu beugen. Oligarchen wie Elon Musk versuchen, uns mit dieser Geschwindigkeit – vor allem von Desinformation – vor sich herzutreiben. Alles geschieht so schnell, dass Gerichte und Medien nicht mehr nachkommen. Dies ist natürlich eine bewusste Strategie. Es ist wichtig, diese Dynamik zu durchbrechen und Zeit zur Reflexion zu haben, um der sogenannten “Alternativlosigkeit” etwas entgegnen zu können. Wir brauchen eine “reflektierte Entschleunigung”: Vertrauen, Beziehungen und Empathie, die in der Face-to-Face-Kommunikation aufgebaut werden, werden nicht so schnell von der KI ersetzt werden können. Da bin ich nicht so pessimistisch.

Polykrise begünstigt Verschwörungsnarrative

APA: Antisemitismus ist ein Feld, mit dem Sie sich ebenfalls immer wieder auseinandergesetzt haben. Im Vorjahr haben Sie ein Update Ihres Buches über diesbezügliche Erfahrungen herausgebracht: “Das kann immer noch in Wien passieren.” Judenhass scheint weltweit stark zuzunehmen.

Wodak: Ich nenne es das “Judeus ex machina-Phänomen”. Antisemitismus war nie verschwunden, und wenn es Angst vor Kontrollverlust gibt, kann man leicht wieder auf dieses kollektive Narrativ zurückgreifen. In Zeiten der Polykrise überrascht es mich nicht, dass Verschwörungsnarrative wieder scheinbare Erklärungsmodelle bieten. Braucht man Sündenböcke, kommen Juden rasch wieder infrage, so wie auch Roma, Muslime oder kriminalisierten Migrant:innen. Das bildet einen toxischen Mix.

“Mehrsprachigkeit ist Teil der neuen Zeit”

APA: Sie wohnen nach vielen Jahren in England heute in Wien-Favoriten, einer jener Bezirke, in denen dieser Mix angeblich besonders toxisch ist.

Wodak: Ich fahre oft mit der 6er-Straßenbahn. Was ich da an Code-Switching höre, ist wunderbar. Dieses Phänomen ist wirklich interessant, ich bin ja Soziolinguistin. Heutzutage manifestiert sich sprachlich eine Diversität, mit der wir einfach leben und umgehen müssen. In vielen Bereichen haben sich die soziopolitischen Kontexte verändert. Es gibt einen Begriff, der gut beschreibt, dass Menschen dazu neigen, Angst vor Veränderungen zu haben und diese nicht wahrnehmen wollen: Status-quo-Bias. Man kann sozialen Wandel und auch Sprachwandel vielleicht nicht mögen, aber sie sind Teil unserer Gegenwart, der globalen medialen Gesellschaft und unserer Einwanderungsgesellschaft. Wir müssen beispielsweise akzeptieren: Mehrsprachigkeit ist Teil der neuen Zeit.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E – Bei Picus erscheint am 9. März von Ruth Wodak/Markus Rheindorf: “Babyelefant und Hausverstand. Wie Krisen produziert werden”, 224 Seiten, 24,95 Euro, ISBN 978-3-7117-3506-5)

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