Südafrikas Botschafter Molekane war beim Soweto-Aufstand dabei

Soweto-Aufstand als “Taufe” für Südafrikas Botschafter

Sonntag, 14. Juni 2026 | 05:00 Uhr

Von: apa

Es sind oft unscheinbare Momente, die Schicksale nachhaltig prägen. Für Rapulane Molekane war dies der Entschluss, an einer Schülerdemo im Johannesburger Township Soweto teilzunehmen. “Wir waren eigentlich nur froh, dass die Schule aus war”, erinnert sich der südafrikanische Botschafter in Österreich im APA-Gespräch an den 16. Juni 1976. Die blutige Niederschlagung der Demo war ein Wendepunkt im Kampf gegen die Apartheid und Molekanes Leben. “Ich wurde am 16. Juni getauft”.

Zuvor politisch völlig uninteressiert, begann sich der 16-Jährige infolge der brutalen Polizeigewalt gegen die Apartheid zu engagieren. “So wurde ich dann in den 1980er-Jahren selbst zum Anführer, zum Schüler- und später Jugendführer”. Nach dem Ende der Apartheid wurde er bei den ersten freien Wahlen im Jahr 1994 ins Parlament gewählt, ehe er im Jahr 1999 eine Laufbahn als Karrierediplomat einschlug.

“Wusste nicht wirklich, was da vor sich ging”

Der Protest traf den damals 16-Jährigen wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Obwohl zwei seiner Geschwister in der Schülerbewegung aktiv waren, “wusste ich nicht wirklich, was da vor sich ging”. Er sah seinen Bruder und seine Schwester zwar Plakate mit der Aufschrift “Weg mit Afrikaans” malen, “aber ich konnte mir keinen Reim darauf machen”. Am Protesttag seien Schüler anderer Schulen in die Klasse gekommen und hätten gesagt, “dass heute der Tag ist, an dem wir die Apartheid zerfetzen. Also entweder ihr macht mit beim Marsch, oder ihr geht heim”.

Mit seinen Klassenkollegen habe er sich dem Marsch “aus Abenteuerlust” angeschlossen. Die Stimmung sei zunächst ausgelassen gewesen, wie bei einer Party. “Wir marschierten und hörten Liedern zu, die wir nicht kannten”. Das Ziel der Protestbewegung sei das große Orlando-Fußballstadion gewesen. “Wir waren 500 Meter vor dem Stadion, als sie uns stoppten”. Was sich dann abspielte, beschreibt Molekane als “äußerst furchterregend”.

Von Geschwistern fehlte tagelang jede Spur

“Als die Kugeln zu fliegen begannen, suchten wir nur noch nach dem nächsten Unterschlupf”. Die Sicherheitskräfte seien mit Tränengas und Gummigeschoßen auf die Schülerinnen und Schüler losgegangen. “Die Polizei hatte den Auftrag, den Marsch mit allen Mitteln aufzuhalten”, betont Molekane. “Der Befehl kam von ganz oben. Sie hatten den Auftrag, ein Massaker zu verüben”.

Die Anführer der Demonstration hätten dann die Devise ausgegeben, auf dem Rückzug “alles zu zerstören, was mit der Apartheid in Verbindung steht”, so Molekane. “Wir versuchten uns in Sicherheit zu bringen, aber andere Schülerinnen und Schüler nahmen Restaurants, Regierungsgebäude, Alkoholgeschäfte, Bars und Zugstationen ins Visier”.

Von seiner Schwester und seinem Bruder fehlte nach der Demonstration tagelang jede Spur. Er selbst konnte sich am Abend zum Elternhaus durchschlagen. 575 Menschen starben nach den Erkenntnissen einer vom Apartheid-Regime eingesetzten Untersuchungskommission, davon 451 durch Polizeigewalt. Anderen Angaben zufolge war die Opferzahl viel höher. Molekane musste im Freundes- und Familienkreis keine Opfer beklagen.

Fehleinschätzung des Apartheid-Regimes als Auslöser

Wie viele verhängnisvolle politische Entwicklungen geht auch der Soweto-Aufstand auf eine grobe Fehleinschätzung zurück. Nachdem es den Afrikanischen Nationalkongress (ANC) in den 1960er-Jahren zerschlagen und ihre Anführer wie Nelson Mandela ins Gefängnis geworfen hatte, “war das Apartheid-Regime der irrigen Meinung, dass es den Widerstand für immer gebrochen hatte”, so Molekane. Entsprechend machte sich das Regime daran, auch das Bildungssystem nachhaltig zugunsten der herrschenden Buren umzugestalten. Nachdem die Schwarzen bis dahin auf Englisch unterrichtet wurden, sollte Afrikaans als alleinige Unterrichtssprache eingeführt werden.

“Sie dachten, dass nichts passieren wird und sie die Unterdrückung nach Belieben fortsetzen können”, sagt Molekane. Tatsächlich wurde die umstrittene Reform zunächst hingenommen. “Als der Aufstand begann, schrieben wir gerade eine Mathe-Schularbeit auf Afrikaans”. Auch das Fach Geschichte sei bereits in der Sprache der weißen Oberschicht unterrichtet worden.

Halbes Jahr kein Unterricht nach Unruhen

Die Tragweite der Ereignisse kurz vor der südlichen Wintersonnenwende wurde Molekane nicht gleich klar. Tatsächlich war der Soweto-Aufstand der Beginn einer neuen, jüngeren, breiteren und auch internationaleren Protestbewegung. Die brutale Vorgangsweise der Polizei motivierte junge Menschen im ganzen Land, gegen die Apartheid aufzustehen. “Was in Soweto begann, breitete sich wie ein Lauffeuer im ganzen Land aus. Dieses Ereignis war ein Wendepunkt, weil er der Vorstellung entgegentrat, dass der Widerstand für immer unterdrückt worden war”.

Infolge der Unruhen habe es ein halbes Jahr keinen Schulunterricht gegeben. In dieser Zeit hätten Eltern und Aktivisten Bewusstseinsbildung unter den schwarzen Schülerinnen und Schülern betrieben. “Wir nahmen an Workshops und Kursen teil, in denen wir das erste Mal etwas über (den inhaftierten ANC-Führer und späteren südafrikanischen Präsidenten Nelson) Mandela hörten”. Mitgespielt hätte dabei auch die Unabhängigkeit der beiden bisherigen portugiesischen Kolonien Mozambique (1975) und Angola (1976). “Wir lernten, warum diese Länder frei sind, und warum wir unterdrückt werden”.

“Wir begannen zu verstehen, dass diese Demonstration kein reines Abenteuer war”

“Da begannen wir zu verstehen, dass diese Demonstration kein reines Abenteuer war, sondern wirklich eine Bedeutung hatte”, so Molekane. Er habe sich dann auch selbst politisch engagiert und Mitstreiter motiviert. “Wir waren entschlossen, dass wir uns nicht verhaften und ins Gefängnis werfen lassen. Wir wollten eine starke Organisation bilden und sicherstellen, dass das Regime fällt”.

“Ja, ich spreche Afrikaans”

Das Regime musste die umstrittene Bildungsreform zurücknehmen, konnte die Protestbewegung aber nicht mehr einfangen. “Afrikaans war nur ein Aspekt. Wir wollten ein einheitliches Bildungssystem für das ganze Land, aber unter einer Apartheid-Regierung würden wir das nicht bekommen. Deshalb wollten wir diese Regierung loswerden”.

Mit der Sprache der früheren Unterdrücker hat der Diplomat heute kein Problem. “Ja, ich spreche Afrikaans. Nicht so gut wie früher, aber ich verstehe alles. Ich habe keinen Groll gegenüber Afrikaans”. Das Idiom werde nämlich “von vielen Menschen in Südafrika gesprochen” und sei eine von elf Amtssprachen des Landes. “Wir behandeln es wie eine einheimische südafrikanische Sprache, weil sie von unten gewachsen ist. Nirgendwo sonst wird sie gesprochen, nur in Südafrika. Und sie ist eine Kombination mehrerer Sprachen, Niederländisch, Italienisch, Englisch und Zulu”.

Auch hätten die schwarzen Südafrikaner Afrikaans bereits gesprochen, bevor es vom Regime als Schulsprache verordnet worden sei. “Unsere Brüder und Schwestern, die in den Häusern von Afrikaanern (Buren, Anm.) arbeiteten oder gut situiert waren, sprachen Afrikaans, um damit anzugeben”, sagt Molekane mit einem Schmunzeln.

(Das Gespräch führte Stefan Vospernik/APA)

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