Englands Kicker müssen die nächste Enttäuschung wegstecken

England-Teamchef Tuchel schwer in der Kritik

Donnerstag, 16. Juli 2026 | 11:49 Uhr

Von: APA/dpa/Reuters

Nach der dramatischen Niederlage im Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft steht Englands Teamchef Thomas Tuchel schwer in der Kritik. Ehemalige Stars kritisieren die Passivität der Three Lions, die am Mittwoch in Atlanta gegen Titelverteidiger Argentinien bis zur 85. Minute führten – und dann völlig auseinander fielen. Tuchel will weitermachen und soll die Unterstützung des Verbands FA haben. Nach dem 1:2 geht es am Samstag (23.00 Uhr) gegen Frankreich nur um Rang drei.

Harry Kane stand regungslos am Mittelkreis, sein Blick auf die andere Seite des Platzes gerichtet, wo sich die Argentinier für den Einzug ins Finale feiern ließen. Die von Kapitän Kane angeführten Engländer waren so nah dran am ersten Endspiel seit dem Triumph 1966. “Wir spielen eine Stunde so gut und führen verdient. Aus irgendeinem Grund verlieren wir dann das Momentum. Das zieht sich nun schon durch die letzten vier, fünf Turniere”, sagte der Bayern-Stürmer konsterniert. Enzo Fernandez (85.) und Lautaro Martinez (92.) stürzten England durch ihre von Lionel Messi vorbereiteten Tore in eine Schockstarre. “Je schöner die Reise, desto herzzerreißender ist das Ende”, resümierte Jude Bellingham.

In die Schusslinie der englischen Öffentlichkeit geriet Trainer Thomas Tuchel. Experten und ehemalige Stars kritisieren die Entscheidung des Deutschen, nach der Führung in der Defensive von einer Vierer- auf eine Fünferkette umzustellen. In den 37 Minuten zwischen dem Führungstreffer von Gordon (55.) und dem Siegtreffer von Martinez hatte England unterirdische zwölf Prozent Ballbesitz. Das Team habe das Momentum einfach nicht zurückbekommen, resümierte Tuchel. Englands Spieler hatten plötzlich etwas zu verlieren – und zerbrachen an diesem Druck.

Ex-Stars mit heftiger Kritik an Tuchel

Chris Sutton nannte es eine “Coaching-Katastrophe” und warf die Frage auf, ob der Deutsche noch der richtige Mann für den Job sei. “Wenn man Messi und Argentinien erlaubt, dass sie auf einen zustürmen, dann sucht man förmlich nach Ärger”, sagte Wayne Rooney. Für Gary Lineker ist es “absolut unbegreiflich, dass man ausgerechnet gegen den besten Fußballspieler aller Zeiten die Taktik verfolgt, seine Spieler tief stehenzulassen”.

Auch Michael Owen hatte keine positiven Worte übrig. “Solange wir nicht verstehen, dass Mut und Courage bedeuten, unter Druck den Ball in den eigenen Reihen zu halten und das Spiel zu kontrollieren, wird das Ergebnis immer dasselbe sein.” Er zog dabei auch einen Vergleich zur Machtdemonstration der Spanier am Vortag gegen Frankreich. “Schaut euch an, wie Spanien beim Stand von 1:0 gespielt hat. Das ist Mut. Und dann schaut euch England beim Stand von 1:0 an”, schrieb Owen. Auch in der deutschen Heimat gab es Unverständnis. “Ich kann es nicht fassen und nicht verstehen, wie England dieses Spiel nach der Führung angegangen ist. Ich kann nicht begreifen, wie sie die Argentinier eingeladen haben, aus idealen Positionen eine Flanke nach der anderen zu schlagen”, sagte Ex-Teamspieler Thomas Müller.

Tuchel will bleiben

Tuchel selbst nahm das alles äußerlich gelassen zur Kenntnis. “Es ist die Natur des Spiels. Sobald man verliert, wird man kritisiert”, sagte der 52-Jährige. “Keiner weiß, was bei anderen Entscheidungen passiert wäre. Es hat keinen Sinn, sich da zu beteiligen.” Er verteidigte sowohl Strategie als auch Auswechslungen. “Wir haben auf eine Fünferkette umgestellt, um die Lücken im Zentrum zu schließen und in der Luft stark zu sein”, sagte Tuchel.

Erst im Februar hatte er seinen Vertrag mit dem englischen Verband FA bis nach der Heim-EM 2028 verlängert. Nach dem WM-Aus erhielt er umgehend Unterstützung von Verbandsboss Mark Bullingham. “Die Spieler und Thomas haben heute alles gegeben”, befand der Funktionär. Tuchel meinte: “Wir machen weiter bis zur EM.” Übereinstimmenden Medienberichten zufolge soll er dafür auch weiterhin das Vertrauen des Verbands genießen.

England hoffte auf Ende der Durststrecke

Das Turnier bescherte den Three Lions auch durchaus positive Erinnerungen. England gewann in einem epischen Achtelfinale bei Co-Gastgeber Mexiko im Aztekenstadion. In der unmenschlichen Hitze von Miami schoss man die Emporkömmlinge aus Norwegen in der Verlängerung aus dem Turnier. Die Mannschaft habe eine Mentalität, die man in Flaschen abfüllen und verkaufen könne, sagte Trainer Tuchel.

Der Trainer glaubte, die Spieler glaubten, ganz England erlebte bis zum Mittwoch einen euphorischen Jahrhundertsommer und glaubte an den Titel. Glaubte an das Ende von 60 Jahren Schmerz. Am Ende konnte auch Tuchel England nicht erlösen. “Wir müssen vier weitere Jahre warten”, sagte der Schwabe. Vorerst war Verarbeitung der Enttäuschung angesagt. Schweigend verschwand die Mannschaft in der Kabine. Dort flossen Tränen, viele Worte fielen nicht. So beschrieb es Verteidiger Dan Burns. “Nichts, was man da sagt, kann die Enttäuschung und den Schmerz nehmen”, sagte Tuchel.

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