Von: apa
Manches Mal haben nur erfundene Märchen ein Happy End, nicht jene im realen Leben. Zwölf Fahrsekunden, genau so lange durfte Lindsey Vonn am Sonntag von einer Olympiamedaille träumen. Ihr Sturz in der Abfahrt von Cortina war grauslich und schmerzvoll, minutenlang war es still im Zielraum der Tofana. Die US-Skigröße wurde auf der Piste erstversorgt und mit dem Helikopter abtransportiert. Über die Schwere der Verletzung ist noch nichts bekannt.
Mit einem vor etwas mehr als einer Woche erlittenen Kreuzbandriss wollte Vonn Gold gewinnen. Die ganze Skiwelt wollte zusehen, ob sie dazu imstande ist. FIS-Präsident Johan Eliasch nannte ihr Ausscheiden “tragisch”, aber das sei der Skisport, Stürze passieren. Sie hätte nichts getan, wenn sie sich nicht dazu in der Lage gefühlt hätte, meinte er im Zielraum zu Medienvertretern. “Sie kennt ihre Verletzungen, sie weiß, wozu sie imstande ist, sie kennt ihren Körper. Mit so einer Verletzung zu fahren, ist eine Entscheidung, die ein Athlet selbst treffen muss, dafür gibt es keine Regeln.”
Für das US-Team war es ein Tag voller gemischter Gefühle, hatte sich doch Breezy Johnson zur Olympiasiegerin gekürt. “Ich fühle mit ihr. Ich hoffe, es ist nicht so schlimm, wie es aussah”, sagte Johnson, die 2025 in Saalbach-Hinterglemm auch Weltmeisterin war. Auch sie habe noch keine Informationen oder Details zur Verletzung.
Eine fast märchenhafte Comeback-Story
Das Comeback von Vonn wäre schon in Crans-Montana fast beendet gewesen. In acht Saisonrennen hatte sie zwei Siege und insgesamt nur Top-4-Plätze eingefahren, als sie am 30. Jänner beim neunten bei schlechter Sicht auf unruhiger Piste stürzte. In der bald nach ihr abgebrochenen Abfahrt erlitt sie eine Knieverletzung, am 3. Februar gab sie in Cortina bekannt, dass sie trotz Kreuzbandrisses im linken Knie bei Olympia starten werde. In den Trainings machte alles einen stabilen Eindruck.
Sie werde am Start stehen und sie wisse, dass sie stark sei, hatte Vonn am Tag vor dem Rennen auf Instagram gepostet. “Ich weiß, dass die Chancen aufgrund meines Alters, meines fehlenden Kreuzbandes und meines Titan-Knies gegen mich stehen – aber ich weiß auch, dass ich trotzdem daran glaube.” In den vergangenen Tagen hatte nicht zuletzt ein Sportmediziner die Schwere der Verletzung angezweifelt – und Vonn sich verteidigt. “Und ja, mein Kreuzband ist zu 100 % gerissen. Nicht zu 80 % oder 50 %. Es ist 100 % weg.”
Aksel Lund Svindal spielte in der Comeback-Story von Vonn – sie war im Dezember 2024 in St. Moritz nach fast sechs Jahren in den Weltcup zurückgekehrt – eine bedeutende Rolle. Der zweifache Olympiasieger und fünffache Weltmeister stieß im Sommer 2025 zum Trainerteam. Beide verbindet eine “tolle Freundschaft mit großem gegenseitigem Respekt”, hatte Vonn erklärt. Das Trainer-Sein mache ihm viel Spaß, sagte der Norweger noch am Freitag. Auch wenn er zuletzt viel durchgemacht habe. Am Sonntag sollte es noch schlimmer kommen.
Mitgefühl bei Österreicherinnen
Die viertplatzierte Cornelia Hütter sah aus Selbstschutz nicht hin und den Sturz von Vonn nicht. “Ich bin der Meinung, sie ist sich bewusst gewesen, welches Risiko sie eingeht. Es tut mir für sie leid, dass es heute ins Negative gegangen ist”, sagte die Steirerin. Die mit Startnummer zwei gefahrene Ariane Rädler (8.) war schon im Ziel, als Vonn mit 13 aus dem Starthaus ging. “Es tut mir brutal leid. Seit sie das Comeback gegeben hat, hat sich alles um diesen Tag gedreht”, meinte die Vorarlbergerin.
Mirjam Puchner (11.) musste als nächste Läuferin nach Vonn auf der Startliste lange auf ihren Einsatz warten. “Ein Betreuer von Lindsey war im Starthaus, der hat sich schnell umgedreht und erschrocken dreingeschaut. Dann kam gleich die Info, dass Start-Stopp ist. Mit der Hubschrauber-Info weiß man, das ist nichts Gutes”, berichtete die Salzburgerin. “Man probiert das auszublenden, aber ein Hubschrauber lässt einen nie ganz kalt.”
Die selbst in ihrer Karriere von zahlreichen Verletzungen geplagte Nina Ortlieb kam bei ihrem Sturz glimpflich davon. “Das ist absolut nicht das Ende, das sie verdient hat. Sie wusste, dass es ein gewisses Risiko braucht, wenn man vorne dabei sein will.” Jenen, die sagen, Vonn hätte nicht fahren sollen, richtete sie aus: “Wichtig ist, dass man auf sich selbst hört. Es gibt immer Experten von außen. Im Nachhinein ist immer leicht reden. Ich glaube, es hat sehr wenig gefehlt, dass Lindsey hier noch eine Medaille holt. Dass das hier passiert, ist kein würdiges Ende.”




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