Von: apa
Kurz vor dem Opernball 2026 erscheint ein satirischer Erfahrungsbericht über den Opernball des Jahres 2024. Damals war Stefanie Sargnagel “zu Besuch bei der Hautevolee”, wie es im Untertitel des schmalen Buches heißt. In Prosa werden jene Eindrücke wiedergegeben, die bereits vor einem Jahr auf der Bühne des Wiener Rabenhofs als unterhaltsames Bühnenstück zu sehen waren. Das Motto lautet nicht “alles Walzer”, sondern “alles Wahnsinn”.
In Begleitung einer Freundin (“eine Kellnerin von ungestümem Gemüt aus einem Wiener Untergrundlokal”) und eines Freundes (“ein Museumswärter, großer Bewunderer von Johann Strauss”, und mit einem Rucksack voller Nachschlagewerke ausgestattet) besucht die Wiener Autorin den Ball und stellt schon beim Warten auf den Einlass fest. “Es herrscht eine aufgepeitschte Stimmung wie in vergangenen Jahrhunderten bei einer öffentlichen Hinrichtung, wie bei der Hetz.”
Eine von den Feinen
Eine Maskenbildnerin und eine Stylistin des Gemeindebautheaters haben sie ausgehfein gemacht und ihr den Wunsch erfüllt: “Ich muss eine andere werden. Ich muss so werden wie die Feinen!” Und tatsächlich spürt sie, dass alles anders ist als bei ihrem ersten Ballbesuch vor zehn Jahren: Ihre Karriere – Publikumspreis beim Bachmann-Wettlesen, Erfolge mit den Büchern “Statusmeldungen”, “Dicht” und “Iowa” – hat sie zum Teil jener Gesellschaft aus Promis aus Politik und Kultur gemacht, die den Staatsball bevölkern. Sie wird wiedererkannt, gegrüßt und um Interviews gebeten. Ambivalente Gefühle sind die Folge.
Ambivalent ist auch das Lektüreerlebnis. Einerseits ist ihre Beschreibung des närrischen und eitlen Treibens natürlich amüsant zu lesen, andererseits kennt man es zur Genüge aus den alljährlichen vielstündigen TV-Übertragungen. Sargnagel mag im Kampf um Platz auf dem Tanzparkett, die Sicht auf TV-Screens und um die Verteidigung vorbestellter Lachsbrötchen Erlebnisse gemacht haben, die Gier und Unart der Reichen und Schönen schonungslos bloßlegen – geschenkt! Gegen die Realsatire kommt nur hemmungslose Übertreibung an. Das spürt auch die erfahrene Autorin und legt mit Fortdauer des knapp 80-seitigen Textes immer wieder ein Schäufelchen nach.
“Wiener Blut” und die klebrige “Erbmasse”
Sargnagel entwickelt mit einem realen Personal, das uns zwei Jahre später bereits seltsam fern scheint (Kanzler Karl Nehammer und die Regierungsmitglieder Gernot Blümel, Susanne Raab tauchen ebenso auf wie Richard Lugner, der für seinen letzten Opernball Priscilla Presley als Stargast gekauft hatte), ein Katastrophenszenario, das zwar nicht so weit geht wie weiland Josef Haslinger mit seinem “Opernball” (bei dem die Ballgäste zu Tausenden mit Giftgas getötet wurden), aber doch einigen Horror-Trash aufbietet.
Kathrin Glock schießt Alexander Schallenberg mehrmals mitten ins Gesicht und bekommt von “Nadia Swarowski” einen spitzen Kristallschwan in die Stirn gerammt. Heino intoniert dazu “Wiener Blut”, die von den Gästen rieselnde klebrige Erbmasse bildet am Boden einen Morast, in den der Volkskanzler ungeniert pinkelt. Den wahren Schrecken erlebt die Ballbesucherin jedoch tief unter der Erde. Ihr, die als Angehörige der Arbeiterklasse einst im “Call Center” jobbte, bleibt der Zugang zur Mitarbeiter-Kantine und damit ein Happy End verwehrt. Oder doch? Der letzte Satz lässt jedenfalls den ultimativen Wunschtraum aller Wienerinnen und Wiener wahr werden: “Und wenn ich jetzt in den Supermarkt komme, wird sofort eine zweite Kassa aufgemacht.”
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E – Stefanie Sargnagel: “Opernball. Zu Besuch bei der Hautevolee”, Rowohlt Hundert Augen, 80 Seiten, 18,40 Euro)




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