Von: apa
Die meisten Nominierungen in der Geschichte der Academy Awards aka Oscars hat “Blood & Sinners” mit 16 Gewinnchancen bereits in der Tasche. Dass das musikalische Vampir-Südstaatendrama bei der Verleihung am 15. März in Los Angeles auch als Film mit den bis dato meisten Auszeichnungen beim wichtigsten Filmpreis der Welt hervorgeht, ist aber unrealistisch. Schließlich ist mit “One Battle After Another” für harte Konkurrenz gesorgt, räumte das Werk doch schon wichtige Preise ab.
Viele Nominierungen bedeuten nicht zwangsläufig viele Auszeichnungen. Im Vorjahr hatten “Emilia Pérez” und “The Brutalist” 13 bzw. zehn Nominierungen, münzten sie aber nur in zwei bzw. drei Statuetten um. “Anora” dagegen machte aus sechs Nominierungen fünf zu Gold – darunter auch in der Königskategorie bester Film. Und “Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs” ist nach wie vor das Maß aller Dinge, wenn es darum geht, keine von möglichst vielen Siegchancen ungenützt zu lassen: Elf Nominierungen brachten vor rund 20 Jahren auch elf Auszeichnungen ein.
“One Battle After Another” räumte bereits ab
Das Academy-Voting mit ca. 10.000 wahlberechtigten Personen hat für den heurigen Preisregen am 26. Februar begonnen und endet am Donnerstag, 5. März. Bis zur Verleihung ist es ein streng gehütetes Geheimnis, wer sich bei der Abstimmung durchsetzte. Somit lässt sich nur spekulieren, wer die begehrten 3,8 Kilogramm schweren Oscar-Trophäen mit nach Hause nimmt. Wichtiger Gradmesser dafür sind mehrere in den vergangenen Wochen über die Bühne gegangene Preisverleihungen.
Mit Blick einzig darauf lässt sich wohl “One Battle After Another” als Favorit auf den Sieg in der Königskategorie “Bester Film” benennen. Der satirische Politthriller mit allerhand absurden Einsprengseln von Paul Thomas Anderson begleitet eine linksradikale Gruppierung rund um einen chaotischen, aber liebenden Vater (Leonardo DiCaprio), die von einem rassistischen Cop (Sean Penn) gejagt wird. Die Erzählung ging als großer Sieger der Golden Globes hervor, sicherte sich bei den BAFTAs, den Producers Guild Awards und den Critics Choice Awards jeweils den Hauptpreis und bescherte Anderson zudem zahlreiche Trophäen für die beste Regie – darunter auch jene der Directors Guild of America (DGA).
Überhaupt orten Branchenblätter gehörigen “Oscar buzz” rund um “One Battle After Another”, weil Anderson bisher noch nie mit einem Oscar geehrt wurde. Er verbucht über ein Dutzend Nominierungen für diverse Drehbücher, Regieleistungen und Filme – darunter “There will be Blood”, “Phantom Thread” und “Licorice Pizza”. Man könnte also meinen: Höchste Zeit, dass es für den Regie-Großmeister mal klappt – vielleicht neben bester Film auch gleich für die beste Regie und das beste adaptierte Drehbuch?
“Blood & Sinners” hoch im Kurs
“Blood & Sinners” von Ryan Coogler hat hier aber noch ein Wörtchen mitzureden. Das in den 1930er-Jahren in Mississippi angesiedelte Vampir-Drama mit viel Raum für Musik dreht sich um Afroamerikaner, die ein Juke Joint – also einen Ort zum Tanzen, Essen, Trinken und für das Glücksspiel – eröffnen. In der ersten Nacht tauchen Vampire auf, die sich an ihrem Blut laben und sie auf ihre Seite ziehen wollen. Und auch Ku-Klux-Klan-Mitglieder orten eine Gelegenheit, ihren Hass in Gewalttaten zu übersetzen.
Die #OscarsSoWhite-Debatte ist zwar mittlerweile etwas abgeflaut. Aber dennoch hat noch nie ein schwarzer Regisseur, einen Regie-Oscar eingefahren. Coogler (“Black Panther”, “Creed”) wäre somit der erste, sollte er sich gegen Anderson durchsetzen. Laut “Hollywood Reporter” sind auch immer mehr Brancheninsider von einem Sieg von “Blood & Sinners” in der Königskategorie überzeugt. Das Branchenblatt tippte zuletzt auch selbst auf eine Auszeichnung für das Vampir-Horrordrama als bester Film – wie auch “Variety”. Weitere Oscar-Kategorien wie beste Filmmusik und die erstmals für das beste Casting vergebene Trophäe dürften “Blood & Sinners” relativ sicher sein.
Auslandsoscar für Familiendrama?
Alle weiteren als bester Film nominierten Werke haben wohl lediglich Außenseiterchancen. Da wäre das norwegische Familiendrama “Sentimental Value” von Joachim Trier, das beim Europäischen Filmpreis groß aufzeigte und bei den Filmfestspielen in Cannes den Grand Prix gewann. Es hat mit seinen neun Nominierungen vor allem gute Chancen auf eine Auszeichnung mit dem Auslandsoscar. Größter Konkurrent ist wohl der brasilianische Thriller “The Secret Agent” von Kleber Mendonça Filho. Österreich ist schon länger aus dem Rennen, schaffte es die heimische Einreichung “Pfau – Bin ich echt?” doch nicht auf die Shortlist.
Ebenso auf neun Nominierungen blicken “Marty Supreme” von Josh Safdie und Guillermo del Toros “Frankenstein”. “Marty Supreme” über einen etwas größenwahnsinnigen kleinkriminellen Tischtennisspieler punktet in puncto Auszeichnungen wohl am wahrscheinlichsten mit Hauptdarsteller Timothée Chalamet. “Frankenstein” mit Österreichs Hollywood-Export Christoph Waltz und Burgschauspieler Felix Kammerer in Nebenrollen kann dagegen am ehesten auf Oscars für Make-up und Frisuren, Kostüme und das Szenenbild hoffen – eine Auszeichnung als bester Film wäre dagegen eine große Überraschung.
Einzige Frau unter Männern
Überraschung ja, aber vielleicht eine nicht ganz so große wäre es, ginge die Königskategorie an das Liebesdrama “Hamnet”. Der Film über Agnes und ihren Ehemann William Shakespeare bringt es auf acht Nominierungen und hat neben etlichen Auszeichnungen für Hauptdarstellerin Jessie Buckley auch schon einen Golden Globes als bestes Drama in der Tasche. Das intensive Drama sticht auch insofern hervor, als es das einzige der zehn für “Bester Film” nominierten Werke ist, bei dem eine Frau Regie führte: Chloé Zhao. Sie ist ebenso die einzige vertretene Frau in der Kategorie “Beste Regie”. Damit war abermals der Boden für jene bereitet, die wohl zurecht monieren, dass weibliches Filmschaffen bei den Oscars nicht ausreichend gewürdigt werde.
Hierzulande etwas unter dem Radar – weil gleich auf Netflix zu sehen – flog “Train Dreams” von Clint Bentley. Die bewegende Geschichte über das Leben eines Holzfällers, der im Zuge eines Waldbrands von seiner Familie Abschied nehmen muss, wird wohl nicht das Rennen machen, darf aber womöglich auf eine Auszeichnung für die beste Kamera hoffen. Der Rennfahrfilm “F1” von Joseph Kosinski mit Brad Pitt in der Hauptrolle punktet wohl am ehesten in Technikkategorien wie Sound und Schnitt. Das lassen zumindest bisherige Preisverleihungen erahnen.
Die brutale Alien-Verschwörungs-Komödie “Bugonia” von Yorgos Lanthimos schafft es nicht auf die Shortlist der Oscar-Auguren, ist aber immerhin viermal nominiert. Gewissheit über die Sieger und Verlierer des Abends herrscht aber erst am 15. März, wenn es im Dolby Theatre wieder heißt: “And the Oscar goes to…”
ORF überträgt die Gala
Der ORF überträgt die Gala in gewohnter Manier. Die Live-Strecke startet am Sonntag, 15. März, um 22.55 Uhr auf ORF 1 und ORF ON mit der Vorstellung der Favoritinnen und Favoriten. Es folgen um 23.30 Uhr Ereignisse und Interviews vom Red Carpet und ab 00.00 Uhr die Übertragung der Show selbst, wobei ORF-Filmexpertin Lillian Moschen und Filmexperte Alexander Horwath die Entscheidungen der Academy analysieren. ORF III setzt am Folgetag (16. März) in “Kultur Heute” (19.40 Uhr) einen Schwerpunkt auf die Oscar-Nacht. Höhepunkte sind zudem im “kulturMontag” (22.30 Uhr) zu sehen.
(S E R V I C E – https://www.oscars.org/ )




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