64. Südtiroler Weinbautagung

„Globaler Wandel erfordert neue Strategien vom Südtiroler Weinbau“

Freitag, 23. Januar 2026 | 20:46 Uhr

Von: ka

Bozen/Eppan – Klimawandel, verändertes Konsumverhalten, steigender Kostendruck und ein zunehmend gesättigter Weltmarkt stellen die Weinwirtschaft in ganz Europa vor grundlegende Herausforderungen. Wie sich diese globalen Entwicklungen konkret auf Südtirol auswirken und welche Strategien künftig gefragt sind, stand im Mittelpunkt der 64. Südtiroler Weinbautagung des Absolventenvereins landwirtschaftlicher Schulen (A.L.S.), die am Freitag, 23. Januar 2026 in St. Michael/Eppan stattfand.

A.L.S./Podiumsdiskussion bei der 64. Südtiroler Weinbautagung mit Alex Ferrigato (Verkaufsleiter Kellerei Schreckbichl), Günther Hölzl (Meraner Weinhaus), Gerhard Kofler (Präsident Verband der Kellermeister Südtirols), Simone Loose (Leiterin Institut für Wein- und Getränkewirtschaft, Hochschule Geisenheim University), Ines Giovanett (Weingut Castelfeder), Eduard Bernhart (Direktor Konsortium Südtirol Wein), Elvis Costa (Präsident der Sommeliervereinigung Südtirol), Hansjörg Ganthaler (Präident Vinum Hotels).

Weinbranche im Umbruch: Globaler Wandel trifft regionale Strukturen

Einer der inhaltlichen Höhepunkte der Tagung war der Vortrag von Prof. Dr. Simone Loose von der Hochschule Geisenheim, die zu den führenden Expertinnen für Weinökonomie in Europa zählt. Sie ordnete die aktuelle Situation der Weinwirtschaft in einen internationalen Kontext ein – und zeigte auch Strategien für Südtirol auf.

Prof. Dr. Simone Loose machte deutlich, dass sich die internationale Weinwirtschaft derzeit nicht in einer kurzfristigen Krise, sondern in einem tiefgreifenden strukturellen Wandel befindet. Auslöser seien unter anderem ein rückläufiger Weinkonsum in traditionellen Absatzmärkten, der demografische Wandel, steigende Produktionskosten, zunehmender internationaler Wettbewerb sowie wachsende Anforderungen an Digitalisierung und Wirtschaftlichkeit.

Aus globaler Perspektive zeigte Prof. Loose auf, dass insbesondere Europa mit strukturellen Übermengen konfrontiert ist. Gleichzeitig verändern sich Konsumgewohnheiten: Jüngere Zielgruppen trinken weniger Wein oder greifen selektiver zu, während der Wettbewerb mit anderen Getränkekategorien zunimmt.

„Wenn sich Konsumgewohnheiten und Zielgruppen verändern, reicht es nicht, guten Wein zu machen – er muss auch klar positioniert und verständlich vermarktet werden“, betonte Prof. Dr. Simone Loose mit Blick auf den demografischen Wandel im Weinmarkt. Besonders betroffen seien Regionen mit kleinteiligen Betriebsstrukturen, hohen Produktionskosten und langfristig gebundenen Rebflächen: typische Merkmale, die auch den Südtiroler Weinbau prägen.

Wein im Wandel: Warum sich auch Südtirol neu orientieren muss

Laut Prof. Dr. Loose ist Südtirol im internationalen Vergleich grundsätzlich gut aufgestellt: starke Genossenschaften, eine klare Herkunftsstrategie und hohe Qualitätsstandards haben den Weinbau bisher widerstandsfähig gemacht. Dennoch steigen auch hier die

Herausforderungen. Künftig wird entscheidend sein, wie gut sich Produktion und Markt in Einklang bringen lassen – also wie viel Wein der Markt aufnehmen kann, welche Sorten gefragt bleiben und wie Kunden gehalten, reaktiviert und neu gewonnen werden können.

Darüber hinaus unterstrich Prof. Loose die Bedeutung von Transparenz, von erlebnisbasierter Nachfrageaktivierung (Weintourismus, Veranstaltungen usw.), sowie von professioneller Datensammlung und strategischer Planung. Entscheidungen über Pflanzungen, Investitionen oder Produktionsausweitungen müssten stärker im gesamtwirtschaftlichen Kontext und auf Basis der Vermarktungsmöglichkeiten betrachtet werden.

Der Vortrag machte deutlich: Die Herausforderungen der Weinwirtschaft sind eng mit gesellschaftlichen Entwicklungen verknüpft und erfordern Veränderungsbereitschaft vom Südtiroler Wein. Fragen der regionalen Wertschöpfung und der Wettbewerbsfähigkeit betreffen dabei nicht nur die Betriebe selbst, sondern die gesamte Region.

A.L.S./Volles Haus bei der 64. Südtiroler Weinbautagung des Absolventenvereins landwirtschaftlicher Schulen: Landesrat Luis Walcher eröffnete die Veranstaltung, die sich zentralen Zukunftsfragen des Südtiroler Weinbaus widmete.

Fachliche Impulse und Podiumsdiskussion: Weinbau zwischen Markt, Klima und Gesellschaft

Bereits am Vormittag widmete sich die Weinbautagung zentralen Fachthemen. Vorträge zu Klimawandel, Biodiversität und Bodengesundheit sowie aktuelle Fragen zu Schädlingen und Pilzkrankheiten verdeutlichten, wie eng ökologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Aspekte im Weinbau miteinander verknüpft sind. Die Referentinnen und Referenten betonten die Bedeutung von Forschung, Wissenstransfer und praxisnaher Weiterbildung.

An den Vortrag von Prof. Dr. Loose schloss eine Podiumsdiskussion mit Vertreterinnen und Vertretern aus Weinbau, Vermarktung, Gastronomie und Handel an. Diskutiert wurden unter anderem die Zukunftsfähigkeit regionaler Strukturen, die Erwartungen der Konsumentinnen und Konsumenten, neue Wein-Kategorien, die Preispolitik in der Weinbranche sowie die Rolle Südtirols im internationalen Wettbewerb.

„Wir sind zurzeit noch privilegiert, haben als Südtiroler Wein in Vergangenheit oft richtig und rechtzeitig reagiert und stellen uns auch den derzeitigen Herausforderungen mit positiver Einstellung“, lautete ein zentrales Fazit der Diskussion. Einigkeit bestand darin, dass der Dialog und die Zusammenarbeit mit Tourismus und Gastronomie in Südtirol ein entscheidender Faktor für die Zukunft des Südtiroler Weinbaus sind.

Verantwortung übernehmen – Wissen teilen

Mit der Weinbautagung will der Absolventenverein landwirtschaftlicher Schulen bewusst einen Raum für diese Diskussionen schaffen. „Unser Ziel ist es, Entwicklungen im Weinbau frühzeitig aufzugreifen und gemeinsam mit Praxis, Beratung und Wissenschaft nach Lösungen zu suchen“, betont der Obmann des A.L.S. Stefan Pircher.

BLITZLICHTER:

„Die Situation am europäischen Weinmarkt hat sich weiter zugespitzt. Der Südtiroler Wein kann sich aber mit verschiedenen Strategien gut anpassen.“

(Stefan Pircher – Obmann A.L.S.)

„Der Südtiroler Wein prägt unsere Landwirtschaft, unsere Kultur und unser

Landschaftsbild. Die Qualität ist außergewöhnlich – die größte Herausforderung liegt heute in der Vermarktung. Dafür brauchen wir keine schnellen, sondern gute und die richtigen Antworten.“

(Luis Walcher – Landesrat für Landwirtschaft)

„Südtirol hat starke Strukturen – entscheidend ist, sie rechtzeitig weiterzuentwickeln.“

(Prof. Dr. Simone Loose)

Bezirk: Überetsch/Unterland

Kommentare

Aktuell sind 0 Kommentare vorhanden

Kommentare anzeigen