Wie der deutsche Delikatessenhandel auf die Wirtschaftskrise reagiert

Punkten mit Top-Qualität und erlesenen Produkten

Freitag, 23. Februar 2024 | 11:52 Uhr

Bozen – Teuerungen, zurückhaltendes Konsumverhalten und kritische Prognosen für 2024: Wie reagiert der deutsche Lebensmittelhandel auf die derzeit schwierige wirtschaftliche Lage, und was bedeutet das für Südtiroler Unternehmen aus dem Lebensmittelsektor, die im Feinkost-, Spezialitäten- und Biomarkt in Deutschland aktiv sind? Antwort auf diese Fragen gab es vor Kurzem bei einem Beratertag von IDM Südtirol. Unternehmer/-innen aus Deutschland, die in dieser Branche tätig sind, zeigten ihre Lösungsansätze auf und standen den Teilnehmern im Anschluss für Einzelberatungen zur Verfügung.

Lebensmittel, die nicht zum täglichen Bedarf gehören und von außergewöhnlich hoher Qualität sind, werden als Feinkost bzw. Delikatesse bezeichnet. Deutschland ist ein Vorreiter auf dem Gebiet der Geschäfte, die solche Waren anbieten: Das weltweit erste Feinkostgeschäft, Dallmayr, wurde 1700 – zunächst unter anderem Namen – in Deutschland gegründet. Nach Berechnungen des Instituts für Handelsforschung ist die Feinkostbranche in Deutschland in den letzten Jahren überdurchschnittlich gewachsen. Der Umsatz des Sektors beträgt derzeit ein Prozent des Umsatzes des gesamten deutschen Lebensmittelmarktes, der laut der globalen Datenbank Statista 2023 übergreifend über alle Vertriebsformate einen Umsatz in Höhe von rund 197,6 Milliarden Euro erwirtschaftet hat. Für viele Südtiroler Unternehmen ist diese Branche somit sehr interessant. Die aktuelle Krise geht aber auch am deutschen Lebensmittelmarkt nicht spurlos vorbei, die Umsatzzahlen sinken derzeit.

„Wie viele andere Branchen leidet auch Deutschlands Lebensmittelsektor unter der aktuell schwierigen Wirtschaftslage“, sagt Vera Leonardelli, Direktorin Business Development von IDM. „Laut dem Statistischen Bundesamt Destatis ist der preisbereinigte Umsatz im deutschen Lebensmitteleinzelhandel 2023 gegenüber dem entsprechenden Vorjahr um 3,9 Prozent zurückgegangen. Grund dafür sind die stark gestiegenen Nahrungsmittelpreise, die auf die Kaufbereitschaft der Verbraucherinnen und Verbraucher drücken.“ Auch für 2024 sei laut aktuellen Umfragen keine Besserung der Situation in Sicht. Das wirke sich natürlich auch auf die Geschäftsentwicklung und Entscheidungen der Feinkostbranche aus, für die viele Südtiroler Unternehmen Zulieferer seien. „An sie hat sich der Beratertag von IDM gewendet, bei dem circa 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit dabei waren und im Anschluss an die Vorträge auch Einzelberatungen in Anspruch genommen haben“, so Leonardelli.

Die neue Preisrealität im Delikatessenmarkt war auch das Thema von Kerstin Uhlenbusch, die seit über 20 Jahren selbst ein Delikatessengeschäft in Nordhorn/Deutschland betreibt und deshalb die Bedürfnisse des Marktes und die gravierenden Änderungen, die er erlebt hat, sehr gut kennt. „Dass die Preise gestiegen sind, ist eine Realität, mit der wir alle leben müssen. Die Preise werden auch nicht wieder zurückgehen, deshalb bleibt dem Konsumenten nur die Entscheidung, ob er das Produkt zu diesem Preis kaufen will oder nicht“, sagt Uhlenbusch. Hier sei essenziell, dass man sich als Delikatessen-Hersteller richtig positioniere und sich vom Supermarkt und von der Industrieware, die man dort kaufen könne, deutlich abhebe. „Kunden, die sich für Delikatessen interessieren, suchen nicht unbedingt Luxusprodukte wie Kaviar oder Champagner. Aber sie wollen Qualität und greifen deshalb immer öfter nach handwerklich hergestellten Produkten. Denen bleiben sie dann treu, auch wenn sie sich vielleicht in der Menge oder in der Frequenz des Genusses einschränken müssen, weil der Preis für ihr Lieblingsprodukt gestiegen ist.“ Für den Hersteller bedeute dieses selektive Kaufverhalten, dass derjenige, der auf gute Inhaltsstoffe, Umwelt- und Tierschutz achtet, unter Umständen mehr Umsatz macht als jemand, der das nicht tut. „Ich empfehle eine Positionierung Richtung mehr Qualität, bei der der Preis nicht das Kriterium sein darf“, so Uhlenbusch.

Laut Michaela von Lutz vom Delikatessenhaus Alois Dallmayr in München bindet man Kunden vor allem durch exzellenten Service und ein außergewöhnliches Einkaufserlebnis.

Die Klausnerin ist seit zwölf Jahren Teil des Einkaufsteams bei Dallmayr und als solche ständig auf der Suche nach Top-Qualität, um die rund drei Millionen Kunden, die das weltberühmte Delikatessenhaus in München jedes Jahr besuchen, immer wieder neu zu überraschen. „Bei uns soll der Kunde nicht nur zufrieden, sondern begeistert wieder aus dem Geschäft gehen. Ausschlaggebend dafür ist ein Rundum-Einkaufserlebnis, das beim Standort und dem eleganten Ambiente beginnt und bis zur individuellen Beratung durch unser Verkaufspersonal reicht“, sagt von Lutz. Bei Dallmayr gebe es 90 Prozent Bedientheken, an denen die Ware ansprechend präsentiert und von qualifizierten Mitarbeiter/-innen verkauft werde. Extrem wichtig für die Kundenzufriedenheit sei natürlich auch das Sortiment; hohe Qualität und eine selektive Auswahl der Ware seien oberste Priorität. „Bei uns steht der Produzent im Mittelpunkt, wobei wir viel mit kleinen Manufakturen abseits des Mainstreams zusammenarbeiten. Der Schwerpunkt liegt zudem auf Saisonalität, Regionalität und Bio“, sagt von Lutz und betont, dass Dallmayr bei der Herkunft der Rohwaren sowie bei der Herstellung und Verarbeitung der Lebensmittel auf höchste Standards Wert lege.

„Mut zur Transformation“ forderte im Anschluss Thomas Börkey-Biermann, Geschäftsführer und Mitbegründer von Ökoring aus Mammendorf, einem Biogroßhandel mit 150 Mitarbeitenden, der circa 12.000 Bioartikel verschiedenster Produktkategorien im Sortiment hat. Hans Ücker, Geschäftsführer der Vermittlungsagentur Landhaus Spezialitäten in Weilheim, berichtete über seine Erfahrungen und Erkenntnisse im Lebensmittel- und Spezialitätenexport nach Deutschland. Den Abschluss der Vorträge des IDM-Beratertags machte Florian Wonneberg von der Geschäftsleitung der größten deutschen Feinkost-Kette Robert Lindner, die mit ihren 750 Mitarbeitenden in zweiter Generation knapp 50 Filialen in Berlin, Hamburg und Potsdam betreibt. Wonneberg sprach über Aufgaben, Herausforderungen und Chancen durch aktuelle Kostenentwicklungen.

Von: luk

Bezirk: Bozen

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