Von: apa
Das vor dem Abschluss stehende Freihandelsabkommen der EU mit Indien wird kurzfristig ähnlich große Effekte haben wie jenes mit den Mercosur-Ländern – langfristig habe Indien aber aufgrund seiner Größe ein viel größeres Potenzial, sagte Wifo-Ökonom Harald Oberhofer zur APA. “Man kann das durchaus damit vergleichen, was China heute ist und was China vor 40 Jahren war. Da kann man ungefähr sagen, was ist Indien jetzt und was kann aus Indien in den nächsten 20 Jahren werden.”
Für eine Gesamtbewertung der ökonomischen Folgen des Abkommens sei es noch etwas zu früh, weil Details des Abkommens kaum bekannt seien, sagte Oberhofer am Freitag. “Es wird wohl eher ein engeres Handelsabkommen sein, das sich sehr stark auf den Warenhandel beschränken dürfte und beispielsweise den Agrarsektor von den Liberalisierungsschritten ausnehmen könnte.” Das Abkommen werde also “überschaubar sein, was die Tiefe betrifft”. Allerdings sei es ein Handelsabkommen der EU mit dem größten Land der Welt mit einer Bevölkerung von 1,4 Milliarden Menschen. “Indien ist mittlerweile auch die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt und hat Ende 2025 Japan überholt.” Von den großen Volkswirtschaften habe Indien die schnellste Wachstumsdynamik mit jährlichen Wachstumsraten um die 6 Prozent.
Indien könnte zu USA und China aufschließen
Indien könne “durchaus mittel- bis langfristig einer unserer drei wichtigsten Handelspartner mit den USA und China werden”. Im Moment sei Indien der neuntwichtigste Handelspartner der EU. Für Österreich sei Indien bei den Exporten nicht unter den Top 10. “Aber wenn die Handelsbarrieren reduziert werden, wird auch relativ schnell mehr gehandelt werden.” Profitieren könnten in Österreich vor allem Maschinen- und Anlagenbau, Fahrzeugzulieferer, Chemie und Kunststoffe oder Umwelttechnik.
Auch die österreichische Bauwirtschaft könnte profitieren, weil in Indien derzeit große Infrastrukturprojekte laufen würden. “Alles, was im Bereich Infrastruktur im weitesten Sinne gemacht wird, da können wir natürlich auch partizipieren.” Ein wichtiges Anliegen der Europäer bei den Verhandlungen sei der Zugang zu öffentlichen Aufträgen in Indien gewesen.
Keine Bedrohung für europäischen Automarkt
Dass etwa der europäische Fahrzeugmarkt mit Autos aus Indien überschwemmt werden könnte, glaubt Oberhofer nicht. “Die Handelsbarrieren der Europäischen Union für Industrieprodukte sind schon extrem niedrig.” Ein Drittel aller Produkte hätten nach WTO-Recht schon einen Zollsatz von null Prozent. “Wir liberalisieren da gar nicht so viel weiter. Wenn es konkret um Autos geht, da haben wir im Moment einen Zollsatz von 10 Prozent.” Dieser werde aber auch gerade gegenüber den USA abgeschafft. Die europäische Industrie betrachte sich als wettbewerbsfähig und scheue den Wettbewerb nicht – gleichzeitig erkenne sie die Potenziale auf dem anderen Markt.
Die europäische Stahlindustrie sehe sich vor allem durch die Überkapazitäten in China bedroht, erklärte Oberhofer. Wenn auch die Stahllieferungen aus Indien in die EU künftig keinen Zöllen mehr unterliegen sollten und es zu mehr Wettbewerb am europäischen Stahlmarkt kommen würde, “hätte das natürlich für alle Industrien, die Stahl weiter verarbeiten, positive Effekte. Wenn der Stahl billiger wird, dann steigt die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen, die Stahl in der Vorleistung verwenden – auch im Vergleich zu den USA, die ja Stahl mit 50 Prozent Einfuhrzoll belegen und damit wohl höhere Stahlpreise haben als wir, wenn wir uns nicht so stark abschotten.”
Auch über den CO2-Grenzausgleich (CBAM) werde wohl verhandelt, meinte Oberhofer. “Da könnte ich mir vorstellen, dass es in den Verhandlungen Spielraum gibt, dass die EU stärker Maßnahmen der indischen Politik im Bezug auf Klimaneutralität anrechnet, um so vielleicht einen Kompromiss beim CBAM zu erreichen.”




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