Von: apa
“Die Möwe” ist eines der großen Schauspielstücke der Theatergeschichte. Der 36-jährige deutsche Regisseur Max Lindemann hat am Landestheater Niederösterreich in St. Pölten Anton Tschechows Drama ebenso exaltiert wie spannungsreich inszeniert. Bei der Premiere am Freitagabend glänzte allen voran Julia Kreusch als dominante, tragisch alternde Schauspielerin.
In der Übersetzung von Ilma Rakusa fließt viel Gegenwartssprech ein. Das ist schon okay, “alles gut” sozusagen, auch wenn es leicht irritiert, wenn die russischen Personen fortwährend “okay” sagen. Theater soll ja zeitlos sein, das muss man dem Publikum offenbar in jeder Weise verdeutlichen. Lindemann, der u. a. schon am Berliner Ensemble und am Schauspiel Frankfurt Regie geführt hat, verändert auch das Stück des jungen Dramatikers Kostja (Julian Tzschentke) im Sinn einer autistischen Nabelschau.
Tzschentke muss in Strumpfhosen und mit an Prinz Eisenherz erinnernder Haartracht auftreten. Das wird spätestens dann komisch, wenn beim Verbandswechsel die Perücke verrutscht – Gag oder Panne, egal. Zu genau darf man’s sowieso nicht nehmen. Da sagt der frustrierte Kostja über sein Theaterstück: “Ich hab alles verbrannt, bis auf den letzten Fetzen.” Zuvor saß er jedoch an seinem Laptop – wahrscheinlich hat er auch alle Daten in der Cloud gelöscht.
Paraderolle für Julia Kreusch
Wunderbar exzentrisch und psychologisch genau in Mimik und Gestik sind die meisten Charaktere gezeichnet, allen voran jener der Schauspielerin Irina. Für Julia Kreusch ist Kostjas egomanische Mutter eine Paraderolle, sie bietet geradezu genüsslich alle Facetten der Herrschsucht auf und bleibt doch eine einsame Figur. Unvorteilhaft ausstaffiert wirkt Laura Lauffenberg als ehrgeizige, später schwer vom Leben enttäuschte Nina. Bettina Kerl gibt überzeugend eine nach Leben hungernde Polina, Caroline Baas als depressive Verwaltertochter muss auch handwerkliche Fähigkeiten unter Beweis stellen, wenn sie zu Beginn der Aufführung noch schnell mit dem Schraubendreher den Bühnenrahmen befestigt.
Eher Randfiguren bleiben die Männer: Jens Claßen als jammervoll alternder Bruder Irinas, Markus Hamele als polternder Gutsverwalter, Nikolai Gemel als persönlichkeitsschwacher Erfolgsschriftsteller, Lukas Walcher als lebenssatter Arzt und Tobias Artner als lahmer Lehrer. Die Frauen bringen in ihrem Scheitern immerhin widerständige Energie auf. Zuletzt aber erschießt sich Kostja und liegt – letztes Bild vor dem Vorhang – in seinem Bühnenblut wie ein vom Kreuz abgenommener Christus: Muttersöhnchen als Leidensmann.
Kulisse mit Möbelgeschäftcharme
Das im ersten Teil gelb leuchtende Bühnenbild lässt mehr an einen aufgelassenen Möbelladen als an einen Gutshof denken, im zweiten Teil, der leider dramaturgisch ziemlich absackt, blenden weiße Oberlichter und funkeln sterile Neonröhren an glatten Oberflächen. Dazu wabert viel Bühnennebel, zwischendurch sprüht Regen auf dunkle Schirme, und auch akustisch wabern ganz leise tiefe Frequenzen bedrohlich durch einen Abend, der am Ende doch länger anmutet, als gedacht.
(Von Ewald Baringer/APA)
(S E R V I C E – “Die Möwe” von Anton Tschechow am Landestheater Niederösterreich, St. Pölten. Regie: Max Lindemann, Übersetzung: Ilma Rakusa. Mit Julia Kreusch, Julian Tzschentke, Laura Lauffenberg, Bettina Kerl, u.a.. Weitere Aufführungen bis 21. Februar 2026, Gastspiel am Stadttheater Wiener Neustadt am 11. Februar 2026. www.landestheater.net)




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