Welttag der Suizidprävention am 10. September

„Angehörige von Suizidopfern haben es besonders schwer“

Freitag, 09. September 2016 | 12:39 Uhr

Bozen – Am morgigen Samstag, den 10. September wird weltweit der Tag der Suizidprävention begangen. Die Caritas nimmt dies zum Anlass, um auf die schwierige Situation der Hinterbliebenen aufmerksam zu machen. „Trauer nach dem Verlust eines lieben Menschen durch Suizid ist besonders schwer zu bewältigen“, weiß der Leiter der Caritas Hospizbewegung Günther Rederlechner aus langjähriger Erfahrung, „Selbstvorwürfe, Schuldgefühle, Scham und oft auch das Unverständnis von außen machen einen natürlichen Trauerprozess fast unmöglich“. Das zeigt sich auch in der Caritas Telefonseelsorge, wo dieses Thema häufig von den Anrufenden angesprochen wird. „Allein mit dem selbstgewählten Tod eines Lebenspartners, eines Kindes, einer Mutter, eines Vaters oder eines Freundes fertig zu werden, ist schwierig. Die Trauernden brauchen in so einer Situation eine Möglichkeit, sich auszusprechen, damit sie ihrem Schmerz, ihrer Scham und oft auch ihrem Zorn Ausdruck verleihen können“, bestätigt Silvia Moser, die Leiterin der Telefonseelsorge. Beide Caritas-Dienste, Hospizbewegung und Telefonseelsorge, bieten Hilfe und Beistand an.

„Die Frage nach dem Warum ist für Angehörige von Suizidopfern besonders quälend. Gerade Verwandte und Freunde möchten verstehen, warum der geliebte Mensch sich das Leben genommen hat und warum sie es nicht verhindern konnten. Sie machen sich Vorwürfe, oft kommt auch Zorn dazu, weil dieser Mensch sie in dieser schrecklichen Situation allein zurückgelassen hat“, weiß Günther Rederlechner. Über das Geschehene zu sprechen, werde in diesem Fall besonders schwierig, auch weil das Umfeld oft unterschwellige Schuldzuweisungen mache. „Dabei wird oft vergessen, dass hinter einem Suizid meist eine lange Geschichte dahinter steckt, eine tief verwurzelte Depression, welche die Betroffenen oft jahrelang verstecken“, so Rederlechner. Umso wichtiger sei für die Angehörigen das Verständnis ihres Umfelds und die Möglichkeit, sich offen und ehrlich auszusprechen. „Leider passiert oft genau das Gegenteil: Die Angehörigen stoßen auf Unverständnis. Sie ziehen sich aus Angst, von anderen verurteilt zu werden, zurück und isolieren sich“, sagt Rederlechner.

Die Caritas-Hospizbewegung bietet deshalb eigene Begleitungen für Angehörige von Suizidopfern an. „Für die Betroffenen ist es hilfreich zu wissen, dass sie in einem geschützten Rahmen mit Trauerbegleitern über ihre Situation und ihr Empfinden sprechen können. Denn offene Gespräche sind oft das einzige, das Erleichterung und Sicherheit bringt und hilft, mit der Situation umzugehen“, erklärt Rederlechner.

Das weiß auch die Leiterin der Caritas Telefonseelsorge aus langjähriger Erfahrung. „Suizid wird von den Anrufenden öfter angesprochen als man meinen möchte: von Menschen, die überlegen, mit ihrem Leben Schluss zu machen und auch von Angehörigen, die jemanden durch Suizid verloren haben“, berichtet Moser. Die gut ausgebildeten Freiwilligen achten in solchen Gesprächen darauf, den Anrufenden Raum zum Erzählen anzubieten, in dem Erinnerungen Platz haben dürfen, aber auch in aller Ehrlichkeit die Palette der aktuellen Empfindungen von Schmerz, Ohnmacht, Wut und Sprachlosigkeit bis hin zu Selbstvorwürfen. „Das offene Aussprechen von schwer Sagbarem in wertschätzender, geschützter Atmosphäre bringt Entlastung“, betont Silvia Moser und lädt zum Anrufen ein: „Wir sind für Sie da, wenn sie verzweifelt sind oder wenn sie nicht wissen, wie sie mit allem fertig werden sollen. Es ist egal, um welche Tages- oder Nachtzeit es sich handelt, und ob Sie Ihre Stimmung in Worte fassen können oder nicht. Wir möchten Sie nicht alleine lassen“, sagt Moser. Die Telefonseelsorge ist täglich rund um die Uhr unter der grünen Nummer 840 000 481 erreichbar.

Wer eine Begleitung bei der Hospizbewegung in Anspruch nehmen möchte oder nähere Informationen sucht, kann sich direkt beim Caritas-Dienst unter Tel. 0471 304 370 oder hospiz@caritas.bz.it melden.

Suizidgedanken auch bei Jugendlichen

Nicht nur Erwachsene, sonder auch viele Jugendliche denken über Suizid nach. Problematisch wird es, wenn Todesphantasien zu einer fixen Idee werden. Young+Direct, die Jugendberatungsstelle des Südtiroler Jugendringes bietet jungen Menschen kostenlos und niederschwellig Hilfe an.

„Wenn es Jugendlichen schlecht geht, dann taucht auch manchmal der Gedanke an den Tod als Ausweg auf“, so Michael Reiner, Leiter der Jugendberatungsstelle Young+Direct. „Sie äußern dann Sätze wie Ich wünschte, ich wäre tot oder Am liebsten würde ich nur noch sterben. Der Tod wird als eine von vielen Möglichkeiten gesehen, ein (vorübergehendes) Problem (endgültig) zu lösen. Sie malen sich in diesen Momenten aus, wie es wäre, wenn sie ihr Leben beenden würden. Die meisten schaffen es, dann wieder auf andere Gedanken zu kommen.

Es kommt jedoch auch in jungen Jahren vor, dass man an solchen Phantasien hängen bleibt. Depressive oder besonders labile Jugendliche, die über längere Zeit das Gefühl haben, mit der Welt nicht mehr zurecht zu kommen, flüchten sich häufig in diese Gedanken und können sie nicht mehr abschalten. „Wenn ihr Leidensdruck nicht erkannt und ihnen nicht geholfen wird, wächst ihre Verzweiflung“, so Reiner weiter, „der Suizid wird dann mehr und mehr zum scheinbar einzigen Ausweg. Die Phantasien werden immer realer, schließlich treffen sie konkrete Vorbereitungen und versuchen sich das Leben zu nehmen.“

Die innere Entwicklung, die einen Menschen dazu bringt sich selbst zu töten, ist von außen schwer zu erkennen, trotzdem gibt es Zeichen, die auf eine Gefährdung hindeuten. Man sollte hellhörig werden, wenn jemand zum Beispiel plötzlich sein Verhalten ändert, gleichgültig und lustlos ist, Kontakte abbricht, sich zurückzieht und isoliert.

Wenn jemand offen ausspricht, dass er sich umbringen will, so muss das ebenfalls ernst genommen werden. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Menschen, die über Suizid reden, sich nicht töten. 80 Prozent der Menschen, die sich umbringen, teilen ihre Absicht vorher in irgendeiner Form mit.

„Bei Jugendlichen kommt es häufig vor“, so Reiner, „dass sie ihre Suizidabsichten einer Freundin oder einem Freund anvertrauen, allerdings mit dem Hinweis, es ja nicht weiterzusagen. In dieser Situation ist es wichtig, sich nicht unter Druck setzen zu lassen und in jedem Fall Hilfe zu holen.“

Sowohl Erwachsene als auch Jugendliche, die Suizidabsichten äußern oder bei denen man solche vermutet, sollten darauf angesprochen werden. Viele glauben, das Beste wäre in so einer Situation, das Thema zu wechseln, um die Betroffenen abzulenken. Doch es ist wichtig, diesen Menschen die Möglichkeit zu geben, über ihre Suizidgedanken und die zu Grunde liegenden Probleme zu reden und sie dabei zu unterstützen, sich Hilfe zu holen, wie es bei Young+Direct möglich ist.

Von: mk

Bezirk: Bozen

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