Szene in Teheran nach Abflauen der Proteste

Aktivisten: Mehr als 3400 Demonstranten im Iran getötet

Mittwoch, 14. Januar 2026 | 20:46 Uhr

Von: APA/dpa

Im Iran sind seit Ausbruch der Proteste Ende Dezember Aktivisten zufolge mindestens 3.428 Demonstranten getötet worden. Die Menschenrechtsorganisation Iran Human Rights (IHRNGO) mit Sitz in Oslo wies zugleich darauf hin, dass die tatsächliche Zahl der Toten noch deutlich höher liegen könnte. US-Präsident Donald Trump hat erneut die Staatsführung vor Hinrichtungen gewarnt. “Wir werden sehr hart reagieren”, sagte der Republikaner dem TV-Sender CBS News in Detroit.

Nach Informationen der Organisation wurden im Verlauf der Proteste zudem mehr als 10.000 Personen festgenommen. Auf die seit Ende Dezember laufenden Proteste reagierte der Sicherheitsapparat des Landes mit äußerster Gewalt. Seit Tagen ist das Internet gesperrt. Bewohner im Iran können seit Dienstag erstmals nach mehreren Tagen wieder ins Ausland telefonieren.

Angespannte Ruhe

Nach den schweren Unruhen und landesweiten Aufständen im Iran herrscht in den Metropolen eine angespannte Ruhe. Zwar seien in der Stadt an vielen wichtigen Orten noch Polizisten und Sicherheitskräfte stationiert, jedoch nicht mehr in einem Ausmaß wie am vergangenen Wochenende, berichteten Einwohner der Hauptstadt und Millionenmetropole Teheran.

Bericht: Repression könnte Demonstranten abgeschreckt haben

Auch Analysten, die das Protestgeschehen von Beginn an dokumentierten, verzeichneten einen deutlichen Rückgang. Am Dienstag wurden einer Analyse des amerikanischen Critical Threats Project (CTP) zufolge nur noch sieben Proteste in sechs Provinzen registriert. Das CTP wird von den in Washington ansässigen Denkfabriken Institute for the Study of War (ISW) und American Enterprise Institute betrieben.

Der Bericht wies jedoch darauf hin, dass aufgrund der Internetsperre nur wenige Informationen nach außen gelangen. Am vergangenen Donnerstag zählte das CTP noch 156 Demonstrationen in 27 der 31 Provinzen. Die Autoren verwiesen zudem auf die hohe Zahl an Todesopfern bei den Unruhen, die sich allerdings nicht unabhängig verifizieren ließ. “Das Ausmaß an Brutalität könnte die Demonstrierenden entmutigen und die Häufigkeit der Protestaktivität verringern.”

Irans Sicherheitsapparat geht systematisch gegen Proteste vor

Der Staat bezeichnet die Massenproteste als ausländische Intervention. Außenminister Abbas Araghchi verteidigte in einem Telefonat mit seinem französischen Kollegen das Vorgehen der Staatsmacht. Ursprünglich friedliche Proteste seien durch “ausgebildete terroristische Elemente” in Gewalt umschlugen, sagte er.

In einer Provinz meldete der Geheimdienst der iranischen Revolutionsgarden die Festnahme mehrerer “Hauptverantwortlicher” der Unruhen. Die Generalstaatsanwaltschaft warnte unterdessen vor einer Zusammenarbeit mit dem persischsprachigen Exilsender “Iran International”, den viele Iranerinnen und Iraner trotz Internetsperre in den vergangenen Tagen in ihren Wohnzimmern empfangen konnten. Laut Menschenrechtlern droht die erste Hinrichtung eines Demonstranten.

US-Präsident droht Teheran zum wiederholten Mal

Trump führte seine Drohung nicht näher aus. Die iranische Justiz hatte zuvor die ersten Protestteilnehmer vor Gericht gestellt. “Falls sie das machen, werden wir sehr entschlossen handeln”, sagte Trump.

Seit Beginn der Proteste gegen das autoritäre Herrschaftssystem der Islamischen Republik vor mehr als zwei Wochen hatte Trump dem Iran schon mehrmals mit einem Eingreifen der USA gedroht, falls Demonstranten getötet würden. Letzteren sagte er nun erneut Unterstützung zu. Hilfe sei unterwegs. Seine Drohungen blieben bisher jedoch folgenlos.

Trumps Optionen nach Drohungen gegen Irans Führung

Israelische und arabische Regierungsvertreter sollen der US-Regierung nach Informationen des Senders NBC News nahegelegt haben, vorerst von einem Angriff auf den Iran abzusehen. Die Führung in Teheran sei demnach noch nicht ausreichend geschwächt, um durch einen militärischen Schlag gestürzt werden zu können. Doch welche Optionen bleiben Trump darüber hinaus?

Die USA könnten nach Einschätzung eines Experten Cyberattacken in Betracht ziehen, nachdem Irans Staat das Internet blockiert hat. “Wenn die Vereinigten Staaten oder Israel die Fähigkeit haben, diesen Eisernen Vorhang niederzureißen, wird dies von den Iranern mit großer Freude aufgenommen werden”, sagte Karim Sadjadpour, Analyst an der Denkfabrik Carnegie, in einem Podcast mit dem US-Sender NPR.

Experten warnen vor unvorhersehbaren Folgen bei Angriffen

Eine frühere Iran-Expertin des US-Außenministeriums nannte als mögliche Optionen Cyberoperationen gegen militärische Fähigkeiten, Druck auf Verbündete, die Ausweisung iranischer Diplomaten, die Beschlagnahme der Geisterflotte iranischer Öltanker und Sanktionen auf chinesische Importe von iranischem Öl. “Weder Militärschläge noch eine weitere Runde von Atomgesprächen werden eine bessere Zukunft für die Iraner oder für die Interessen der USA sichern”, schrieb Suzanne Maloney in einem Gastbeitrag für die “New York Times”.

Denkbar seien auch gezielte Angriffe auf Offiziere oder paramilitärische Einheiten, heißt es in einer Analyse der Denkfabrik Chatham House. Autor Bilal Y. Saab warnt jedoch vor unvorhersehbaren Konsequenzen. “Würde dies tatsächlich das Ziel der iranischen Demonstranten unterstützen, das Regime zu stürzen? Die ehrliche Antwort lautet: Wir wissen es nicht.” Sollte Trump Irans obersten Führer Ali Chamenei töten lassen, sei ein wahrscheinlicher Nachfolger ein Militärregime unter der Führung der islamischen Revolutionsgarden. Irans Militär hatte im Falle eines Angriffs mit einer entschiedenen Antwort gedroht.

USA fordern Bürger zur Ausreise auf

Inmitten der Massenproteste und militärischer Spannungen rief das US-Außenministerium seine Bürger zur sofortigen Ausreise auf. “Erwägen Sie, den Iran auf dem Landweg in Richtung Türkei oder Armenien zu verlassen, sofern dies sicher ist”, hieß es in einer Mitteilung. Falls eine Ausreise nicht möglich sei, riet die virtuelle US-Botschaft ihren Staatsbürgern, einen sicheren Ort aufzusuchen. “Meiden Sie Demonstrationen, verhalten Sie sich unauffällig und achten Sie auf Ihre Umgebung.” Die verfeindeten Länder unterhalten seit 1979 keine diplomatischen Beziehungen mehr. Das österreichische Außenministerium warnt vor allen Reisen für das ganze Land (Sicherheitsstufe 4).

Drohender Konflikt: Lufthansa umfliegt Iran und Irak

Wegen der drohenden Eskalation im Konflikt zwischen den USA und dem Iran hat die Lufthansa den Flugbetrieb im Nahen Osten eingeschränkt. Von Donnerstag bis Montag werde die Airline ihre Flüge nach Tel Aviv und ins jordanische Amman als Tagflüge durchführen, teilte sie auf Anfrage mit. “Das bedeutet, dass Crews direkt im Anschluss ohne Übernachtung vor Ort zurückfliegen. Vereinzelt kann es auch zu Flugstreichungen kommen.”

Wegen der angespannten Sicherheitslage im Nahen Osten führt auch die Austrian Airlines (AUA) ab dem morgigen Donnerstag nur noch Tagesflüge in die israelische Metropole Tel Aviv durch. Dies hätten die Lufthansa Group und Austrian Airlines auf Basis einer aktuellen Lagebewertung entschieden, teilte die AUA am Mittwochabend auf Anfrage der APA mit. Die Einschränkung gelte vorerst bis 19. Jänner, betroffene Passagiere würden nach Möglichkeit umgebucht. “Als Konsequenz der sich aktuell sehr dynamisch entwickelnden Sicherheitslage werden der irakische wie auch der iranische Luftraum ab sofort umflogen.”

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