Schwere russische Luftangriffe auf Kiew

Viele Tote und Verletzte nach russischem Angriff auf Kiew

Montag, 06. Juli 2026 | 16:38 Uhr

Von: APA/dpa/Reuters

Russland hat die ukrainische Hauptstadt Kiew erneut unter schweren Beschuss genommen. Bei russischen Raketen- und Drohnenangriffen wurden am Montagmorgen mindestens 20 Menschen getötet. Nach Behördenangaben kamen in der Hauptstadt 14 Menschen ums Leben, sechs weitere in der umliegenden Region. Zudem gab es zahlreiche Verletzte. Der Schlag offenbarte einen akuten Mangel an US-Abfangraketen bei der ukrainischen Luftabwehr.

Die Attacken ereigneten sich unmittelbar vor dem am Dienstag in der Türkei beginnenden NATO-Gipfel. Dort will US-Präsident Donald Trump mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zusammenkommen, um über eine Friedenslösung zu beraten.

Erst am vergangenen Donnerstag waren bei dem folgenschwersten Schlag auf Kiew in diesem Jahr 31 Menschen getötet worden. Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe konnte bei den neuen Angriffen kein einziges der 23 von Russland abgefeuerten ballistischen Geschosse abgefangen werden. Dies verdeutlicht die zunehmende Verletzlichkeit des Landes, da die Bestände an Raketen für das Patriot-Abwehrsystem zur Neige gehen. Selenskyj drang im Vorfeld des NATO-Gipfels auf “starke Entscheidungen”, um die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine zu sichern.

Im Juli konnte die Flugabwehr Daten der Luftwaffe zufolge lediglich vier von 49 ballistischen Raketen abschießen. “Solange Patriot-Raketen in den Lagern unserer Verbündeten liegen, fühlt sich Russland nur ermutigt, weiter Wohngebäude zu zerstören”, erklärte Selenskyj auf dem Kurznachrichtendienst X. “Die USA und Europa haben es in der Hand, diesen Terror zu stoppen.” Andere Raketentypen und mehr als 90 Prozent der 351 eingesetzten Drohnen seien am Montag jedoch abgefangen worden.

Fast 30 Gebäude in Kiew teils erheblich beschädigt

In Kiew suchten Rettungskräfte in den Trümmern eines schwer beschädigten Hochhauses nach Überlebenden. Nach Angaben von Innenminister Ihor Klymenko wurden im gesamten Stadtgebiet fast 30 Gebäude erheblich beschädigt. Außenminister Andrij Sybiha teilte mit, dass die Leichen einer dreiköpfigen Familie – der Eltern und ihres Kindes – aus den Trümmern geborgen worden seien. Die 22-jährige Aljona wartete an einer Absperrung auf Nachrichten über ihre vermisste 19-jährige Freundin Wika. “Wir sitzen hier und warten, bis sie sie herausholen … Sie ist so lieb, erst 19 Jahre alt. Sie ist so ein herzensgutes Mädchen”, sagte sie der Nachrichtenagentur Reuters unter Tränen.

Opfer gab es zudem im Umland von Kiew. Behördenangaben nach sind dort sechs Menschen zu Tode gekommen. 21 Menschen wurden demnach verletzt. In der Stadt Wyschnewe am Westrand Kiews brach ein Großbrand aus. Die Sicherheitskräfte evakuierten Hunderte Menschen wegen der Folgeexplosionen. Dies deutet auf einen Einschlag in einem Munitionslager hin. Dem russischen Verteidigungsministerium zufolge wurde das Werk “Vizar” in Wyschnewe angegriffen, das auf die Wartung von Flugabwehrsystemen und die Produktion von zugehörigen Raketen spezialisiert ist.

Ukrainische Drohnen greifen Omsk in Sibirien an

Ukrainische Drohnen griffen indes die mehr als 2.400 Kilometer von ukrainisch kontrolliertem Gebiet entfernte sibirische Industriestadt Omsk an. “Einigen Drohnen gelang es, das nördliche Industriegebiet von Omsk zu erreichen”, teilte der Gouverneur des Gebiets Omsk, Witali Chozenko, bei Telegram mit. Demnach gab es Schäden. In ukrainischen Telegramkanälen kursierten Videos, wo Drohnen die nördlich von Omsk liegende Erdölraffinerie anfliegen. Augenzeugen dokumentierten auch einen Brand in der Anlage. Die Raffinerie in Omsk ist die größte in ganz Russland mit einer Verarbeitungskapazität von mehr als 20 Millionen Tonnen pro Jahr. Die Behörden schlossen wegen des Luftalarms den Flughafen in Omsk.

Neben Omsk attackierte das ukrainische Militär in der Nacht auf Montag weitere Ziele in Russland. Wie die örtlichen Gouverneure mitteilten, wurden die Ostseehäfen Ust-Luga und Wysozk, über die Ölexporte abgewickelt werden, sowie Ziele in den Regionen Kaluga und Jaroslawl getroffen. Die Ukraine hat ihre Angriffe auf die russische Energieinfrastruktur zuletzt verstärkt, was landesweit zu Treibstoffengpässen führt. Auch auf der von Russland im Jahr 2014 annektierten ukrainischen Halbinsel Krim gab es Angriffe. In der Hafenstadt Kertsch wurde nach Angaben der von Russland eingesetzten Behörden eine Frau getötet. In Sewastopol, der größten Stadt der Halbinsel und Stützpunkt der russischen Schwarzmeerflotte, kam es zudem zu einem Stromausfall.

Bitte um mehr Flugabwehrraketen

Nach der Attacke forderte er Beschlüsse von der NATO beim Gipfel in Ankara zur Stärkung der ukrainischen Flugabwehr. Solange Patriot-Raketen in den Lagern der Verbündeten verstaubten, fühle sich Moskau nur ermutigt, weiter Krieg gegen Zivilisten zu führen, schrieb er. Die Patriot-Systeme sind für die Ukraine das einzige wirksame Mittel gegen Russlands Raketen. Schon im Frühjahr beklagte Selenskyj, dass sein Land kaum noch Munition dafür habe. Der US-Krieg gegen den Iran verknappte die weltweiten Bestände der Abwehrraketen weiter. Zuletzt brachte Selenskyj die Möglichkeit einer eigenen Patriot-Produktion ins Spiel – und verwies darauf, dass auch eine europäische Produktion in der Ukraine denkbar sei.

Beim NATO-Gipfel geht es auch um weitere milliardenschwere Militärhilfen für die Ukraine. Die Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen, versprach Kiew bereits weitere Unterstützung. In der vergangenen Woche habe die EU vier der insgesamt versprochenen 90 Milliarden Euro für den Kauf von Drohnen freigegeben, in Kürze folge eine weitere Tranche, kündigte sie auf X an. Außerdem werde sie das nächste Sanktionspaket gegen Russland vorantreiben.

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