Südtirols Arbeitsmarkt 2025 im Faktencheck

Sicherer Job – leeres Sparschwein

Dienstag, 13. Januar 2026 | 12:03 Uhr

Von: luk

Bozen – Aus Sicht der lohnabhängigen Beschäftigung schließt 2025 mit gleich vier neuen Höchstmarken. Die Allzeitrekorde betreffen die absolute Zahl an Beschäftigten (235.074), die Teilzeitquote (29 Prozent), den Anteil ausländischer Beschäftigung (17,2 Prozent) und die Präsenz der Über-50-Jährigen (34,7 Prozent). AFI-Direktor Stefan Perini bremst möglichen Enthusiasmus: „Quantitative Rekorde sagen noch nichts über die Qualität der Arbeitsbedingungen. Diese äußern sich durch faire Entlohnung und hoher Arbeitszufriedenheit. Und hier liefern unsere Daten ein durchwachsenes Bild: Ein Drittel der Arbeitnehmenden kommt nur mit Schwierigkeiten über die Runden; die Hälfte der Arbeitnehmerfamilien erklärt, in den nächsten zwölf Monaten kein Geld ansparen zu können.“

Zwölf Fakten zur Situation der Arbeitnehmenden in Südtirol im Jahr 2025.

#1: Neue Höchstmarke an lohnabhängig Beschäftigten

235.074. Das ist die Zahl der lohnabhängig Beschäftigten, die 2025 im Schnitt für die Südtiroler Wirtschaft gearbeitet haben. Damit hat Südtirols Beschäftigung nun auch die Marke von 235.000 Personen geknackt. Im Vergleich zu 2024 beträgt der Beschäftigungszuwachs +1,9 Prozent bzw. 4.359 Personen. Zugenommen hat die Beschäftigung in allen Wirtschaftsbereichen (am stärksten im Gastgewerbe mit +4,3 Prozent) mit Ausnahme des Verarbeitenden Gewerbes, welches aufgrund der angespannten Auftragslage in der Automotive-Branche ein Minus von etwa einen halben Prozentpunkt verzeichnet.

#2: Festanstellung wachsen stärker als Verträge auf Zeit

Festanstellungen stehen hoch im Kurs. 2025 zählt man 3.274 Festanstellungen mehr als 2024 (+2,0 Prozent zum Vorjahr), bei den Verträgen auf Zeit sind es 1.085 mehr (+1,7 Prozent). Im Jahresschnitt zählt Südtirols Arbeitsmarkt 64.133 befristet Beschäftigte, was 27,3 Prozent der lohnabhängigen Beschäftigung entspricht. Die Quote bleibt in der Post-Corona-Ära nahezu unverändert. Saisonal bedingt schwankt im Jahresverlauf stark – sie erreicht im September ihren Höchstwert (31,7 Prozent) und im November ihren Jahres-Tiefststand (22,9 Prozent).

#3: Frauenquote stagniert, mit leicht negativen touch im längeren Zeitraum

Im Vergleich zu 2024 sind 2025 exakt 1.540 Frauen mehr auf dem Arbeitsmarkt (+1,4 Prozent), bei den Männern sind es 2.819 mehr (+2,3 Prozent). Betrachtet man den einen Zehn-Jahre-Zeitraum, so entwickelt sich der Geschlechtermix allerdings wieder auseinander: aus 51,8 Prozent Männer und 48,2 Prozent Frauen im Jahr 2015 sind im Jahr 2025 52,3 Prozent Männer und 47,7 Prozent Frauen geworden. Dabei wird gebetsmühlenartig immer wieder darauf hingewiesen, dass bei den Frauen noch ein größeres Erwerbspotential unausgeschöpft ist.

#4: Teilzeit bleibt im Trend

Große Beliebtheit erfahren nach wie vor Teilzeitverträge. Hier stellt man 2025 einen Zuwachs von exakt 1.600 Einheiten fest, was einem Zuwachs von +2,4 Prozent zum Vorjahr entspricht. Die Vollzeitverträge legen um 2.810 Einheiten zu – das sind +1,7 Prozent zum Vorjahr. Das Gewicht von Teilzeit an der Gesamtbeschäftigung nimmt in der Langzeitbetrachtung kontinuierlich zu und erreicht im Jahr 2025 den historischen Rekordwert von 29 Prozent.

#5: Arbeitskräfte aus dem Ausland immer wichtiger

Südtirols Arbeitsmarkt ist immer stärker auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen. 40.468 Arbeitnehmer mit ausländischer Staatsbürgerschaft arbeiteten im Jahresschnitt 2025 für die Südtiroler Wirtschaft – das sind 17,2 Prozent der Gesamtbeschäftigung – ebenfalls eine neue Höchstmarke. Will heißen: Jede sechste in Südtirol beschäftigte Person ist ausländischer Staatsbürgerschaft.

#6: Höchster Anteil an Festanstellungen in der Industrie

Bei den Industriebetrieben sind neun von zehn Beschäftigungsverhältnissen unbefristet – dieser Bereich erzielt somit den Höchstwert an „Vertragsstabilität“. Festanstellungs-Quoten von mehr als 80 Prozent erzielen alle anderen Wirtschaftsbereiche, mit nur zwei Ausnahmen: das Gastwerbe (36,1 Prozent) und die Landwirtschaft (27,5 Prozent). Zu erwähnen ist, dass die Quote an Festanstellungen im Gastgewerbe im Jahr 2018 mit 30,3 Prozent ihren historischen Tiefststand erreicht hatte. Nach der Corona-Pandemie ist diese dann moderat, aber stetig auf nunmehr 36,1 Prozent geklettert.

#7: Gewicht der älteren Belegschaft nimmt zu

Die Generation 50+ wird für Südtirols Arbeitsmarkt immer wichtiger. Genau 81.554 Über-50-Jährige arbeiteten 2025 für die Südtiroler Wirtschaft – damit macht diese Altersgruppe nunmehr 34,7 Prozent der Gesamtbeschäftigung aus – das ist so viel wie noch nie. In absoluten Zahlen sind die „Over50“ um 2.773 Einheiten angestiegen – das entspricht einem Zuwachs von +3,5 Prozent. Zum Vergleich: In den Altersgruppen „Unter 30“ und „30 – 49 Jahre“ liegen die Zuwachsraten unter 2 Prozent.

#8: Freiwillige Kündigungen: Normalisierungsprozess setzt sich fort

Unmittelbar nach der Corona-Pandemie beobachtete man das Phänomen steigender freiwilliger Kündigungen. Die Bewegungsgründe hierfür umfassten ein Mix Gruppen und Phänomenen: Impfgegner, Sabbatjahr-Beziehende, Berufsabbrecher , Burnout-Gefährdete, Personen, welche Sorgearbeit vereinbaren müssen u.a.m.. Im Jahr 2025 haben exakt 14.978 Personen ihren Job freiwillig gekündigt. Hier kann man konstatieren, dass die Zahl nach den sprunghaften Anstiegen in den Jahren 2022 (15.765) und 2023 (15.478) wieder rückläufig ist.

#9: Arbeitsplatz sicher – Arbeitswechsel (noch) leicht

Südtirols Arbeitnehmende sehen ihren eigenen Job als relativ sicher an: Das belegt das AFI-Barometer in seinen entsprechenden Quartals-Ausgaben. Im Frühjahr 2025 schätzen 92 Prozent der befragten Arbeitnehmer ihren Job als tendenziell sicher ein, im Sommer 86 Prozent und im Herbst waren es 91 Prozent. Mehrheitlich positiv werden die Aussichten für einen eventuellen Jobwechsel eingeschätzt: Die Mehrheit der Arbeitnehmenden ist der Meinung, es sei „leicht“ bzw. „sehr leicht“, einen gleichwertigen Job zu finden (März: 51 Prozent, Juni: 49 Prozent; Sept: 51 Prozent).

#10: Keine schlechtbezahlte Arbeit in Südtirol? Von wegen!

In Südtirols Privatwirtschaft beträgt die Zahl der lohnabhängig Beschäftigten mit einem Stundenlohn von weniger als neun Euro brutto genau 23.713, was einem Anteil von 11,9 Prozent aller in der Privatwirtschaft Beschäftigten entspricht. Neun Euro ist die Schwelle, die in der zweiten Jahreshälfte 2023 für die Einführung eines gesetzlichen Mindeststundenlohns auf Italienebene zur Debatte stand. Belegt wird dies in einer Kurzstudie des Landesinstituts für Statistik ASTAT, die im Dezember 2023 erschienen ist. Neuere Zahlen sind leider nicht verfügbar.

#11: Schwierigkeiten, mit dem Lohn über die Runden zu kommen, nach wie vor präsent

Laut Herbst-Befragung des AFI-Barometers gelingt es drei von zehn befragten Arbeitnehmenden nur mit einigen bzw. großen Schwierigkeiten, mit dem eigenen Lohn über die Runden zu kommen. Es ist dies eine Situation, die sich mehr oder weniger durch alle Befragungen im Jahr 2025 durchzieht (März: 25 Prozent; Juni: 36 Prozent, Sept: 29 Prozent)

#12: Mehr als Hälfte der Arbeitsnehmer-Familien legt nichts auf die hohe Kante

Die Selbsteinschätzung der Möglichkeiten, in den nächsten 12 Monaten Geld ansparen zu können, spaltet die Befragten des AFI-Barometers fast exakt in zwei Hälften: Während die eine zuversichtlich ist, Geld auf die hohe Kante legen zu können, geht die andere davon aus, dies nicht zu schaffen (März: 45 Prozent, Juni: 58 Prozent, Sept.: 56 Prozent). In der zweiten Jahreshälfte 2025 war also der Teil der Arbeitnehmenden, die davon ausgehen, kein Geld auf die hohe Kante legen zu können, mehrheitlich.

Stellungnahme von AFI-Präsident Stefano Mellarini

„Die Zahlen für 2025 zeigen einen quantitativ starken Arbeitsmarkt – aber sie zeigen ebenso deutlich seine Grenzen. Hohe Beschäftigung allein ist kein ausreichender Erfolg, wenn ein erheblicher Teil der Arbeitnehmer:innen weiterhin mit prekären Verträgen arbeitet, wenn Frauen vom Beschäftigungswachstum nur eingeschränkt profitieren und wenn immer mehr Menschen trotz Arbeit finanzielle Schwierigkeiten haben.

Besonders kritisch ist die zunehmende Abhängigkeit von ausländischen Arbeitskräften und älteren Beschäftigten, welche auch auf den hohen Braindrain von Südtiroler Jugendlichen zurückzuführen ist. Ohne gezielte politische Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie, zur Stabilisierung von Arbeitsverhältnissen und zur spürbaren Verbesserung der Lohnentwicklung droht der Arbeitsmarkt an strukturelle Grenzen zu stoßen.

Ein zukunftsfähiger Arbeitsmarkt braucht nicht nur viele Jobs, sondern gute Jobs – mit stabilen Verträgen, existenzsichernden Löhnen und echten Perspektiven für alle Generationen.“

Bezirk: Bozen

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